Kino trotz Corona?

Kinos gehörten früher zu den Orten, an denen man fremden Menschen zwangsweise recht nahe kam. Jeder Sitz hat 2 Armlehnen? Diese Vorstellung ist sooo 90er 00er-Jahre! In den letzten Jahren lautete die Devise: teilen mit dem Sitznachbarn. Ich denke, es gab einen stummen Kodex, dass der Getränkehater rechts der ist, den man benutzen darf und Popcorn auf den Schoß gehört.

Tja und dann kam die 1,5m Abstandsregel. In Flugzeugen sitzt man wohl weiterhin wie Schlangen in einem Paarungsknäuel, das bleibt Filmfans erspart: die Kinos besetzen nur ca. 1/3 ihrer Plätze, wenn überhaupt. In denen hier in der Nähe bedeutet das: 2 Plätze nebeneinander sind reservierbar, daneben sind 2 unbesetzt. Generell wird nur jede 2. Reihe überhaupt freigegeben.

Schwierig wird es, wenn man mehr als eine Person mitnehmen möchte: im UCI in Bochum gibt es jede Menge 2er-Plätze und vereinzelt einzelne Sitze – aber keine 3er- oder 4er-Grüppchen. Ich würde das vermutlich bei der Kartenkontrolle ansprechen und fragen, ob man sich nicht trotzdem zusammen setzen kann – ist ja Quatsch, wenn man eh schon in einem Auto angereist ist und an einem Tisch gegessen hat, machen die Plätze nebeneinander den Kohl auch nicht mehr fett. Im Cinemaxx gibt es immerhin jeweils 2x 3 und 2x 4 Plätze nebeneinander.

Ich kann nur empfehlen, die Tickets online zu buchen. Dann geht’s beim Einlass schneller und kontaktlos. Und man kann sicher sein, die gewünschten Plätze zu bekommen und nicht wieder heimfahren zu müssen, weil andere schneller waren.

Als ich Tenet gesehen habe, waren die sonstigen Regelungen noch moderat: Mund-Nasen-Schutz tragen, bis man auf dem Sitzplatz sitzt, danach war das Abnehmen gestattet. Inzwischen ist das komplette Ruhrgebiet ein einziges Risikogebiet, daher muss man die Maske während des gesamten Films tragen.

Leider kommen kaum neue Filme ins Kino. Tenet war ein Lichtblick in diesem Jahr. Wirklich gefreut habe ich mich auch auf den neuen James Bond, dieser wurde allerdings verschoben – auf März 2021.

Tenet

Fast ein Jahr ist es her, dass ich das letzte Mal im Kino war – Corona lässt grüßen. Wie Kino in Zeiten einer Pandemie funktioniert, beschreibe ich demnächst mal. Jetzt soll es aber erstmal um Christopher Nolans Neuen gehen:

Davor

Ein neuer Film von Nolan (Inception, Dark Knight, Interstellar)? Das klingt nach Pflichtprogramm für mich! Der Trailer sah viel versprechend nach Action und „irgendwas mit Zeit“ aus.

Dabei

  • John David Washington als der namenlose Agent / Protagonist – „kenn ich nich'“ war mein erster Gedanke. Stimmt. Aber den Vater, den kennt man: Denzel Washington.
  • Robert Pattinson (als Neil), der bekannt wurde als Vampir in Twilight und Cedric Diggory aus Harry Potter
  • Kenneth Branagh als Bösewicht Sator, von dem ich dachte, dass ich ihn ebenfalls nicht kenne – doch siehe da, in der Filmographie findet sich einiges: Avengers, Harry Potter, Dunkirk…
  • Elizabeth Debicki spielt Kat – sie kennt man aus Codename U. N. C. L. E. und Guardians of the Galaxy

Darum geht’s

Ein CIA-Agent schluckt nach seiner Gefangennahme eine Selbstmord-Kapsel. Die führt ihn jedoch nicht ins Jenseits sondern zu seinem Vorgesetzten der dem nun für tot erklärten Agenten einem geheimen Auftrag namens „Tenet“ zuweist.

Seit einiger Zeit finden sich immer wieder Spuren eines Krieges, der in der Zukunft stattfinden wird. Praktisch für die Gegenwart: es wurde in der Zukunft scheinbar eine Technologie entwickelt, die Objekten erlaubt, sich rückwärts durch die Zeit zu bewegen (indem sie deren Entropie umkehrt) – dadurch kommt der Schrott von später irgendwann im Jetzt an und wird gefunden. Netter Nebeneffekt: Kugeln werden nicht abgeschossen sondern eingefangen, Vögel fliegen rückwärts, Wärme fühlt sich kalt an und für invertierte (=sich rückwärts durch die Zeit bewegende) Menschen ist normale Luft nicht atembar.

Der Protagonist soll herausfinden, woher die invertierten Objekte kommen und so den Krieg verhindern. Sein Weg führt ihn und seinen britischen Kollegen Neil über Indien schließlich zum Waffenhändler Sator, der für die invertierten Waffen verantwortlich sein soll…

Danach

Nach so langer Kinoabstinenz hätte mich vermutlich jeder Film erfreut, den ich auf der großen Leinwand erblicken hätte dürfen, daher mag es sein, dass diese Rezension davon beeinträchtigt wird.. aber: Tenet ist hervorragend! Guckt ihn euch an!

Nolan hat’s ja ziemlich mit der Zeit, einer seiner ersten Filme, Memento, wird rückwärts erzählt. In Inception spielt Zeit innerhalb der Träume eine Rolle, in Interstellar ist es ein schwarzes Loch, das die Zeit ausdehnt… Tenet macht sich das Thema diesmal aber ganz konkret und nicht nur am Rande zum Thema – und ist dennoch kein Zeitreise-Film, wie es hunderte gibt.

Es gibt tolle Verfolgungsjagden, da man diese mitunter 2x sieht (einmal vorwärts und anschließend invertiert) mit Aha-Effekt, viele Szenen machen einfach Spaß, zu schauen: wie sieht eine Explosion rückwärts aus? Wie ging der Spiegel kaputt? Wie fällt jemand rückwärts?

Man kann es sich schon denken: wegen des komplexen Themas ist Tenet dennoch kein stupides Actionkino sondern ein packender Science Fiction-Thriller, der eine Menge Mindfuck-Potential hat und den man wohl mehrmals sehen muss, um alles zu verstehen.

Spaß macht es auch, hinterher der Referenzen zu lesen. So basieren der Titel und einige der Namen auf dem Sator-Quadrat:

SATOR
AREPO
TENET
OPERA
ROTAS

Dieses kann man vorwärts, rückwärts und von oben nach unten lesen. Außerdem finden sich noch einige andere Verweise darauf – wer also vor seinen Freunden angeben will, der lese vor dem Genuss des Films den entsprechenden Wikipedia-Artikel…

Unter Tage

Bereits im Januar war ich im Rahmen eines VHS-Kurses unter Tage. Nämlich im Schacht Konrad in Salzgitter. Das ehemalige Eisenerz-Bergwerk wird derzeit zu einem Endlager für radioaktive Abfälle umgebaut; dieser Umbau war der erste dieser Art, der 2002 genehmigt wurde.

Um kurz vor 5 sollte es in Hattingen losgehen. Meiner Meinung nach verstößt es ja gegen die Genfer Konvention, Menschen um diese Zeit aus dem Bett zu werfen. Zum Glück dauerte die Fahrt nach Salzgitter 4,5 Stunden – da war es möglich, einiges an Schlaf nachzuholen.

Am Schacht angekommen wurden wir empfangen von einer ganzen Menge hoher Zäune, Natodraht und Security überall. Unsere Anwesenheit sorgte dann erstmal für einige Verwirrung – es wusste nämlich niemand, dass eine Fotogruppe aus dem Ruhrgebiet angemeldet war. Diese Information war irgendwo verloren gegangen. „Tja“ sagte man und „Mh“, führte uns aber letztendlich doch in einen Raum, indem wir die ersten Instruktionen bekommen sollten: grundlegende Infos über das Bergwerk, Sicherheitshinweise und Benimmregeln – schließlich wären wir unter Tage nicht allein, dort wird noch immer gearbeitet und wir sollten keinem im Weg rumstehen.

Dann ging’s los: wir bekamen todschicke Klamotten gestellt: Overall, Stiefel, eine wasserdichte Jacke, Schutzbrille, Helm und sogar Unterwäsche und Socken waren dabei – aber nur für Freiwillige, nur das „obendrüber“ war wichtig. Kaum waren wir umgezogen, wurden wir in eine Gruppe Studenten integriert – dass die kommen sollten, war nämlich bekannt und da wir halt auch da waren, wurden wir zusammengelegt.

Letztendlich bekamen wir noch einen Sauerstoff-Selbstretter, so eine Art Atemmaske mit Sauerstoffflasche, da sich in Schächten gern mal Kohlenmonoxid anreichert. Vermutlich hatten unsere Führer auch ein entsprechendes Warngerät dabei, CO bemerkt man nämlich erst, wenn man umkippt – man riecht und sieht es nicht und es gibt kein Erstickungsgefühl, da es in der Atemluft vorhanden ist. Es entsteht auch, wenn Holz verbrennt oder Grillkohle.

Außerdem wurde die Funktion unseres Helmes überprüft. Klingt, als würde man etwas hartes auf den Kopf bekommen? Mitnichten. Die Helme sind mit Mikrochips versehen, die ein Signal senden. Dieses Signal wird empfangen von allem, was im Schacht herumfährt – damit es bremst, wenn man im Weg steht. Tatsächlich kann man, solange man seinen Helm trägt, nicht überfahren werden. Die Maschinen wissen, dass man da ist.

Überfährt einen nicht: ein Bagger.

Die Fahrt in den Schacht dauerte ca. 4 Minuten, in denen ich ordentlich Druck auf den Ohren bekam und diesen ständig ausgleichen musste. Für die Fahrt mit dem Aufzug benötigten wir auch die wasserfesten Jacken und Schutzbrillen. Von oben tropfte nämlich stark salzhaltiges Wasser auf uns hinab das Flecken auf den Kameras hinterließ und auf der Haut zu Rötungen führte.

1000m Erde, Stein und Fels über einem.

Natürlich setzten wir unseren Weg nicht zu Fuß fort. In dieser Tiefe herrschen immerhin durchgehend über 30°C und wir hatten an der Ausrüstung ziemlich zu schleppen. Zu der genannten Kleidung und den Sauerstoff-Selbstrettern kamen ja auch noch Kameras, Objektive und Stative hinzu – was man alles als Fotograf braucht.

Wir fuhren mit Autos. Die gibt es nämlich unter Tage. Sie sind genau wie wir in die Schächte gekommen, mit dem Aufzug. Allerdings in Einzelteilen. Daher wurden unwichtige Sachen auch einfach beim Zusammenbauen weggelassen, zum Beispiel das Dach.

Sitze = wichtig, Dach = unwichtig

Es gibt nur eine handvoll Autos und die Fahrer verständigen sich permanent über Funk, wo sie gerade sind. Außerdem schaltet man beim Einfahren in einen bestimmten Schacht ohne Ausweichmöglichkeiten eine Ampel auf Rot, damit einem keiner entgegenkommt. Das System scheint sehr sicher zu sein – zumindest, wenn man den Fahrstil der Fahrer bedenkt. Man tuckert nämlich keineswegs mit 10 km/h durch die Gänge, die geben richtig Gas. Die Wagen sind zwar bei ca. 40 km/h abgeriegelt, aber die wollen ausgenutzt werden. Auf der offenen Ladefläche und in den engen, unebenen Stollen mit krassen Steigungen und plötzlichen Kurven, im Finsteren fühlt sich das auch deutlich schneller an. Man ist dankbar um die Schutzbrillen, staubig ist es auch. Aber es macht auch richtig Spaß, ein bisschen wie Achterbahn fahren nur viel bequemer.

Eine Stollenwand. Natürlich nicht im umgebauten Teil, dort werden nicht einfach Fässer mit Atommüll hingekippt.

Wir fuhren unterschiedliche Bereiche an, vor allem auf der 4. Sohle in 1200m Tiefe, und lauschten den Vorträgen der Fahrer über unser Headset. In vielen Bereichen wird gearbeitet, man läuft dann zwischen den Arbeitern rum bzw. hält sich eher im Hintergrund um nicht zu stören und keine Steine auf den Kopf zu kriegen.

Hier wird gearbeitet.

An einigen Stellen konnten wir Schächte sehen, die bereits umgebaut sind, Dort landet irgendwann radioaktiver Abfall. Das sieht zum Beispiel so aus:

Fehlen nur noch die gelben Fässer.

Die Betonplatten und die Verankerungen dieser sind mehrere Meter dick bzw. lang.

Eine besondere Funktion haben die gelben Schilder, die von den Seiten in den Schacht hineinragen, hier an der rechten Seite gut zu sehen. Eine Nahaufnahme:

Gelbe Platten

Diese werden von einem Laser erfasst, der gegenüber des Schachtes befestigt ist. Und wehe, die bewegen sich auch nur um einen Millimeter! Dann wäre der ganz Berg instabil und vermutlich nicht als Endlager geeignet.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung beschäftigt übrigens auch Anthropologen. Es wurde festgelegt, dass die Endlagerung radioaktiver Stoffe für 1.000.000 (eine Million) Jahre „sicher“ sein muss. Zum Vergleich: in den skandinavischen Ländern geht man 300.000 Jahren aus, der moderne Mensch bevölkert die Erde seit ca. 40.000 Jahren. Der Zeitraum ist also nicht wirklich erfassbar und es stellt sich vor allem die Frage: wie sollen solche Informationen erhalten und weitergegeben werden? Ansätze sind, die Verbreitung dieses Wissens über die Kirchen laufen zu lassen, Warnhinweise im Boden anzubringen – aber in welcher Sprache? Piktogramme? Haben Warnhinweise Menschen jemals abgehalten, etwas wirklich dummes zu tun?

Die Rohre versorgen die Stollen mit Frischluft.

Nach ca. 3 Stunden kehrten wir an die Erdoberfläche zurück, entledigten uns der Kleidung und duschten erstmal. Leider hatten wir nicht soviel Zeit im Schacht gehabt, wie wir eigentlich hätten haben sollen – da man uns nicht erwartet hatte, war man nicht auf Fotografen eingestellt. Außerdem waren wir an einem Freitag da und als es auf halb 3 zuging… ein Schelm, der böses dabei denkt.

Ich fand’s aber sehr interessant und würde nochmal hinfahren – die Erfahrung lohnt schon. Vielleicht sehe ich das aber auch nur so, weil mein Opa selbst unter Tage malocht hat – in einer Zeche, wie früher viele im Ruhrgebiet.

Das Titelbild zeigt die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute.

Glück Auf!

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