Unter Tage

Bereits im Januar war ich im Rahmen eines VHS-Kurses unter Tage. Nämlich im Schacht Konrad in Salzgitter. Das ehemalige Eisenerz-Bergwerk wird derzeit zu einem Endlager für radioaktive Abfälle umgebaut; dieser Umbau war der erste dieser Art, der 2002 genehmigt wurde.

Um kurz vor 5 sollte es in Hattingen losgehen. Meiner Meinung nach verstößt es ja gegen die Genfer Konvention, Menschen um diese Zeit aus dem Bett zu werfen. Zum Glück dauerte die Fahrt nach Salzgitter 4,5 Stunden – da war es möglich, einiges an Schlaf nachzuholen.

Am Schacht angekommen wurden wir empfangen von einer ganzen Menge hoher Zäune, Natodraht und Security überall. Unsere Anwesenheit sorgte dann erstmal für einige Verwirrung – es wusste nämlich niemand, dass eine Fotogruppe aus dem Ruhrgebiet angemeldet war. Diese Information war irgendwo verloren gegangen. „Tja“ sagte man und „Mh“, führte uns aber letztendlich doch in einen Raum, indem wir die ersten Instruktionen bekommen sollten: grundlegende Infos über das Bergwerk, Sicherheitshinweise und Benimmregeln – schließlich wären wir unter Tage nicht allein, dort wird noch immer gearbeitet und wir sollten keinem im Weg rumstehen.

Dann ging’s los: wir bekamen todschicke Klamotten gestellt: Overall, Stiefel, eine wasserdichte Jacke, Schutzbrille, Helm und sogar Unterwäsche und Socken waren dabei – aber nur für Freiwillige, nur das „obendrüber“ war wichtig. Kaum waren wir umgezogen, wurden wir in eine Gruppe Studenten integriert – dass die kommen sollten, war nämlich bekannt und da wir halt auch da waren, wurden wir zusammengelegt.

Letztendlich bekamen wir noch einen Sauerstoff-Selbstretter, so eine Art Atemmaske mit Sauerstoffflasche, da sich in Schächten gern mal Kohlenmonoxid anreichert. Vermutlich hatten unsere Führer auch ein entsprechendes Warngerät dabei, CO bemerkt man nämlich erst, wenn man umkippt – man riecht und sieht es nicht und es gibt kein Erstickungsgefühl, da es in der Atemluft vorhanden ist. Es entsteht auch, wenn Holz verbrennt oder Grillkohle.

Außerdem wurde die Funktion unseres Helmes überprüft. Klingt, als würde man etwas hartes auf den Kopf bekommen? Mitnichten. Die Helme sind mit Mikrochips versehen, die ein Signal senden. Dieses Signal wird empfangen von allem, was im Schacht herumfährt – damit es bremst, wenn man im Weg steht. Tatsächlich kann man, solange man seinen Helm trägt, nicht überfahren werden. Die Maschinen wissen, dass man da ist.

Überfährt einen nicht: ein Bagger.

Die Fahrt in den Schacht dauerte ca. 4 Minuten, in denen ich ordentlich Druck auf den Ohren bekam und diesen ständig ausgleichen musste. Für die Fahrt mit dem Aufzug benötigten wir auch die wasserfesten Jacken und Schutzbrillen. Von oben tropfte nämlich stark salzhaltiges Wasser auf uns hinab das Flecken auf den Kameras hinterließ und auf der Haut zu Rötungen führte.

1000m Erde, Stein und Fels über einem.

Natürlich setzten wir unseren Weg nicht zu Fuß fort. In dieser Tiefe herrschen immerhin durchgehend über 30°C und wir hatten an der Ausrüstung ziemlich zu schleppen. Zu der genannten Kleidung und den Sauerstoff-Selbstrettern kamen ja auch noch Kameras, Objektive und Stative hinzu – was man alles als Fotograf braucht.

Wir fuhren mit Autos. Die gibt es nämlich unter Tage. Sie sind genau wie wir in die Schächte gekommen, mit dem Aufzug. Allerdings in Einzelteilen. Daher wurden unwichtige Sachen auch einfach beim Zusammenbauen weggelassen, zum Beispiel das Dach.

Sitze = wichtig, Dach = unwichtig

Es gibt nur eine handvoll Autos und die Fahrer verständigen sich permanent über Funk, wo sie gerade sind. Außerdem schaltet man beim Einfahren in einen bestimmten Schacht ohne Ausweichmöglichkeiten eine Ampel auf Rot, damit einem keiner entgegenkommt. Das System scheint sehr sicher zu sein – zumindest, wenn man den Fahrstil der Fahrer bedenkt. Man tuckert nämlich keineswegs mit 10 km/h durch die Gänge, die geben richtig Gas. Die Wagen sind zwar bei ca. 40 km/h abgeriegelt, aber die wollen ausgenutzt werden. Auf der offenen Ladefläche und in den engen, unebenen Stollen mit krassen Steigungen und plötzlichen Kurven, im Finsteren fühlt sich das auch deutlich schneller an. Man ist dankbar um die Schutzbrillen, staubig ist es auch. Aber es macht auch richtig Spaß, ein bisschen wie Achterbahn fahren nur viel bequemer.

Eine Stollenwand. Natürlich nicht im umgebauten Teil, dort werden nicht einfach Fässer mit Atommüll hingekippt.

Wir fuhren unterschiedliche Bereiche an, vor allem auf der 4. Sohle in 1200m Tiefe, und lauschten den Vorträgen der Fahrer über unser Headset. In vielen Bereichen wird gearbeitet, man läuft dann zwischen den Arbeitern rum bzw. hält sich eher im Hintergrund um nicht zu stören und keine Steine auf den Kopf zu kriegen.

Hier wird gearbeitet.

An einigen Stellen konnten wir Schächte sehen, die bereits umgebaut sind, Dort landet irgendwann radioaktiver Abfall. Das sieht zum Beispiel so aus:

Fehlen nur noch die gelben Fässer.

Die Betonplatten und die Verankerungen dieser sind mehrere Meter dick bzw. lang.

Eine besondere Funktion haben die gelben Schilder, die von den Seiten in den Schacht hineinragen, hier an der rechten Seite gut zu sehen. Eine Nahaufnahme:

Gelbe Platten

Diese werden von einem Laser erfasst, der gegenüber des Schachtes befestigt ist. Und wehe, die bewegen sich auch nur um einen Millimeter! Dann wäre der ganz Berg instabil und vermutlich nicht als Endlager geeignet.

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung beschäftigt übrigens auch Anthropologen. Es wurde festgelegt, dass die Endlagerung radioaktiver Stoffe für 1.000.000 (eine Million) Jahre „sicher“ sein muss. Zum Vergleich: in den skandinavischen Ländern geht man 300.000 Jahren aus, der moderne Mensch bevölkert die Erde seit ca. 40.000 Jahren. Der Zeitraum ist also nicht wirklich erfassbar und es stellt sich vor allem die Frage: wie sollen solche Informationen erhalten und weitergegeben werden? Ansätze sind, die Verbreitung dieses Wissens über die Kirchen laufen zu lassen, Warnhinweise im Boden anzubringen – aber in welcher Sprache? Piktogramme? Haben Warnhinweise Menschen jemals abgehalten, etwas wirklich dummes zu tun?

Die Rohre versorgen die Stollen mit Frischluft.

Nach ca. 3 Stunden kehrten wir an die Erdoberfläche zurück, entledigten uns der Kleidung und duschten erstmal. Leider hatten wir nicht soviel Zeit im Schacht gehabt, wie wir eigentlich hätten haben sollen – da man uns nicht erwartet hatte, war man nicht auf Fotografen eingestellt. Außerdem waren wir an einem Freitag da und als es auf halb 3 zuging… ein Schelm, der böses dabei denkt.

Ich fand’s aber sehr interessant und würde nochmal hinfahren – die Erfahrung lohnt schon. Vielleicht sehe ich das aber auch nur so, weil mein Opa selbst unter Tage malocht hat – in einer Zeche, wie früher viele im Ruhrgebiet.

Das Titelbild zeigt die heilige Barbara, Schutzpatronin der Bergleute.

Glück Auf!

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