Mitten wir im Leben sind / mit dem Tod umfangen

Solange kein neuer Beitrag? Das ist selten. Woran liegt das? Nun… 2018 will’s wirklich wissen. Nicht nur, dass bei mir Diabetes diagnostiziert wurde und ich nun „an der Nadel hänge“, auch familiär liegt einiges im Argen. Gerade die letzten 4 – 6 Wochen waren heftig, Daten habe ich gar nicht mehr im Kopf. Aber der Reihe nach…

Media vita in morte sumus

Mitte Februar brach ein enger Verwandter (der Cousin meiner Mutter) im Holland-Urlaub beim gemeinsamen Frühstück mit seiner Frau zusammen. Schwerer Schlaganfall, lautete die Diagnose. Zwei Tage voller Ungewissheit folgten, dann sagten die Ärzte im Amsterdamer Krankenhaus, dass wohl nichts mehr zu machen sei. Die Maschinen wurden abgeschaltet, der Mann starb mit 75.

Einen Vorteil hat der Tod im Ausland aber: er ist die einzige Möglichkeit, die Bestattungspflicht in Deutschland zu umgehen: wer in Deutschland stirbt und eingeäschert wird, muss bestattet werden. Die Urne im Regal ist nicht drin und auch andere Verfahren, wie das Pressen der Asche zu einem Diamanten gibt’s nicht. Man bekommt weder Asche noch Urne überhaupt in die Finger, beides bleibt bis zur endgültigen Beisetzung (in der Erde oder auf dem Wasser, „einfach verstreuen“ ist nicht erlaubt) beim Bestatter.

Stirbt man aber im Ausland, können die Angehörigen einen dort einäschern lassen. Die Asche incl. Urne dürfen sie dann selbst nach Deutschland überführen. Dort gibt es dann zwar wieder die Bestattungspflicht, allerdings ist diese nicht zeitlich definiert. So ist die Asche unsere Verwandten nun bei seiner Frau… und ja, vielleicht fällt ihr zufällig beim Tragen der Urne durch den Garten unter dem Lieblingsbaum ihres Gatten selbige aus der Hand…

Briefe mit schwarzem Rand

Bereits 2 Tage, nachdem wir von obigem Tod erfahren hatten, lag im Briefkasten ein Umschlag mit schwarzem Rand. Wir wunderten uns schon, so schnell geht das eigentlich nicht. Richtig: eine Bekannte meiner Oma hatte im stolzen Alter von 89 Jahren das Zeitliche gesegnet.

Quarantäne

Zu der Zeit war Walter (75), der Mann meiner Mutter, bereits eine Woche lang krank: die Grippe hatte ihn erwischt, meine Mutter hat er auch gleich angesteckt. Am 03.03. wollten die beiden eigentlich in den Urlaub fliegen und um genau den bangte Walter. Meine Mutter suchte am 26.02. einen Arzt auf und ließ sich krankschreiben, Walter wollte nicht mit. Abends sagte er dann doch, er wolle einen Mediziner sehen – da die Hausärztin keine Hausbesuche mehr macht, rief meine Mutter am nächsten Morgen die 112 an. Da konnte Walter schon nicht mehr wirklich aufstehen und war immer wieder wie im Delirium.

Die Abstriche der beiden ergaben: Influenza B. Also die Form der Grippe, die im Moment grassiert. Ich hatte wohl das gleiche über Weihnachten – zumindest waren meine Symptome genau wie die meiner Mutter: langanhaltender Husten, Übelkeit…

Influenza B bedeutet: Quarantäne. Meine Mutter wurde vom Gesundheitsamt angerufen. Sie dürfe das Haus nicht verlassen. Walter lag im Krankenhaus, welches sie nicht betreten durfte – Besuch war möglich, aber nur „vollverschleiert“: Mundschutz, Haarnetz, Kittel, Handschuhe…

Meine Mutter stornierte den Urlaub, obwohl es schon am kommenden Freitag hieß, Walter werde am Dienstag entlassen.

Walter liegt im Sterben

Tja, und dann am Montag rief meine Mutter mich früh an. Walter liegt im Sterben, sie habe kaum geschlafen und müsse ins Krankenhaus. Ich also los ins Büro, wir arbeiten ja zusammen. Was war passiert?

Inzwischen wissen wir, dass Walter wohl bereits am Samstag, den 04.03., tot im Zimmer gefunden wurde. Aber: man hatte ihn reanimiert. Und nun lag er da, mit versagenden Organen an Maschinen angeschlossen. Meine Mutter informierte seine Söhne und traf sich mit diesen.

Und seitdem herrscht hier der Ausnahmezustand. Die Ausgangslage ist die, dass es keine Patientenverfügung gibt. Walter weigerte sich, eine zu machen – angesprochen wurde er darauf oft, aber er wollte nicht. Damit ist sein Wille nicht klar formuliert.

Die Angehörigen könnten noch auf die Ärzte einwirken – meine Mutter wäre bereit, die Maschinen abstellen zu lassen. Mein Bruder nicht. Der hofft tatsächlich auf ein Wunder. Er scheint auch gar nicht zu verstehen, wie die Situation – realistisch betrachtet – ist. Die Leber versagt, deswegen wird die Haut gelb. Mein Bruder: „Och, guck mal, ist der Papa noch schön braun vom Urlaub!“

Das sagen die Ärzte

Am Freitag war eine erneute Besprechung der aktuellen Lage mit Chefarzt und Neurologin. Den Zustand bezeichnet man als Wachkoma. Die Augen sind zwar offen, Blickkontakt herstellen ist jedoch nicht möglich. Alleine atmen oder die Dialyse abstellen ist nicht möglich, das hätte den Tod zur Folge. Und man wisse ja nicht, ob das in Walters Sinne sei. Immerhin sei er „freiwillig ins Krankenhaus gekommen“… da könne man wohl schon davon ausgehen, dass er jede Behandlung wünsche?

Wie sieht die Perspektive aus? Tja, vielleicht sei es irgendwann möglich, Blickkontakt herzustellen und über diesen mit ihm zu kommunizieren. In dem Moment könne man dann ja fragen, ob er am Leben erhalten werden wolle oder ob die Maschinen abgestellt werden sollen.

Und wie geht meine Mutter damit um?

Als die Ärzte das verlauten ließen, fragte meine Mutter, was das denn für eine Lebensperspektive sei. Sie wäre dafür, die Maschinen abzustellen, zumal sie das nicht länger emotional ertrüge. Der Chefarzt meinte daraufhin, „wir müssen uns da jetzt alle mal zurücknehmen“. Da ist meine Mutter ausgeflippt. Während mein einer Bruder vor sich hinheulte, erklärte sie, sie werde sich jetzt zurücknehmen – und zwar ganz. Für sie sei ihr Mann tot. Sie käme nicht mehr, um sich das Gehampel weiter anzuschauen, alles weitere könnten die Ärzte mit den Söhnen klären.

Seitdem geht es ihr besser, vorher sah sie um Jahre gealtert aus. Leider kann sie Walter nun nicht beisetzen um einen Abschluss für sich zu haben und es ist fraglich, wie lange der momentane Zustand noch aufrecht erhalten wird… sie beginnt aber schon, altes Zeug auszusortieren, kauft neue Deko für die Wohnung, spielt wieder Gitarre… ob meine Brüder sich nochmal melden, ist ebenfalls unklar. Die sind sauer. Ich denke aber, sie kommen wieder an. Immerhin liegt das Geld bzw. Erbe noch da rum. Entweder bekommen sie es oder es geht für’s Pflegeheim drauf.

Ein wenig makaber sind wir allerdings alle: bis zu dem Gespräch mit den Ärzten hat sie bei jedem Besuch Fotos von Walter gemacht und auf ihrem PC einen Ordner mit dem Namen „Walters Tod“ angelegt. Sie nannte ihn fortan auch nur „die Leiche“. Vermutlich enthält das sehr viel Wahrheit.

Zum Schluss noch eine Randnotiz: Walter ist privatversichert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

1 Kommentar

  1. Sali, Mara.
    Hier im Kommentar noch ein paar eher allgemeine Worte, wie versprochen.
    Es ist anzunehmen, dass es von der Wiege bis zur Bahre hierzulande für alles eine Verwaltungsvorschrift gibt.
    Um Deine abschließende Randnotiz aufzunehmen, vermute ich einmal in den Raum hinein, dass der verstorbene Cousin Deiner Mutter nicht privat versichert war…

    Nur um einmal eine administrative Logik zu hinterfragen: WER würde bei schwerer Grippe überhaupt daran denken nur das Bett verlassen zu wollen?!

    Seine Eminenz in weiß legt sich die Realität wohl gern nach Gusto zurecht, demnach sich jemand mit einer Einstellung gegen lebensverlängernde Maßnahmen NICHT freiwillig in ein Krankenhaus begeben würde.

    Der Schlußstrich Deiner Mutter ist nachvollziehbar & offensichtlich hat Ihr der klare Eigenentschluss geholfen.

    bonté

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