Blaulicht

Ich habe mal wieder den Rettungsdienst gerufen. Jedoch nicht für mich-

Als ich heute morgen aufwachte, hörte ich Hämmern im Haus und fragte mich, wer in Gottes Namen um diese Uhrzeit bereits irgendwas nagelt. Ich quälte mich durch die Kälte des Schlafzimmers ins muckelige Wohnzimmer. Als ich an der Wohnungstür vorbei kam, klang das Klopfen so, als käme es aus dem Treppenhaus, doch dort war alles dunkel. Dann klopfte es wieder – aus der Wohnung meiner Nachbarin. Diese ist ziemlich alt (ca. 80), krank und wohnt dort mit ihrer Tochter.

Ich wünschte ihr durch die Tür einen guten Morgen und betrieb etwas Konversation, bei der sich herausstellte, dass sie gestürzt war und nun nicht mehr hochkam. Ihre Tochter war nicht da, vermutlich bei der Arbeit, und da lag sie nun. Aus Sendungen wie „mein Revier“ und zahlreichen anderen Reportagen des Privatfernsehens, die Feuerwehr und Polizei bei der Arbeit begleiten, wusste ich was zu tun ist. Da soll nochmal einer sagen, dass Fernsehen nicht bildet! Na gut, ein klein wenig haben vielleicht auch meine absolvierten erste Hilfe-Kurse dazu beigetragen. Ich wählte also die 112 und fand heraus, dass Hattingen keine eigene Rettungsleitstelle hat, da man mich als erstes nach der Stadt fragte, in der ich mich befände. Ich dachte immer, jede Kommune sei dafür quasi selbst verantwortlich. Nach kurzer Schilderung der Situation begab ich mich wieder an die Tür zu meiner Nachbarin und redete ein wenig mit ihr.

Bereits nach wenigen Minuten erschienen sie alle: Feuerwehr, Polizei, Notarzt und Rettungsdienst (ohne Kamerateam, wie schade!). Erstere waren da, um die Tür zu öffnen, zweitere um abzusichern, dass sie später nicht wegen Sachbeschädigung dran sind und letztere um meine Nachbarin vom Boden aufzulesen. Die strammen Burschen von der Feuerwehr klingelten – leider nicht nur bei mir sondern bei allen Nachbarn, an denen sie dann auch noch vorbei hetzten. Im Treppenhaus erklangen die üblichen Fragen: „oh, was ist denn los?“, „sind wir in Gefahr?“, „Ich MUSS wissen, was passiert ist! Das ist wichtig!“. Ich glaube, ich würde bei so einem Job ausfällig werden. Als meine eigene Oma mal vom Rettungsdienst abgeholt wurde und einer dieser unbelehrbaren Gaffer am Liebsten in den Rettungswagen gekrabbelt wäre, um live dabei zu sein, kam ich auch nicht umhin, ihn von der Infektiösität der Krankheit und der Gefahr für Leib und Leben in Kenntnis zu setzen. Der war schnell weg.

Nachdem die Feuerwehr mit einem Stück Blech die Tür geöffnet hatte, durften Rettungsdienst und Notärztin ran. Von oben sah die Armada von Blaulicht-Fahrzeugen auf dem Parkplatz vor dem Haus ausgesprochen beeindruckend aus. Nach ein paar Minuten bat mich ein freundlicher Rettungssanitäter hinüber, meine Nachbarin wolle sich bedanken und sie hätten auch noch ein paar Fragen: Ob die alte Dame immer so undeutlich spräche – schwer zu sagen, so oft sehe ich sie nicht mehr – ob sie immer so wackelig gehe – dito – und, ob ein Pflegedienst involviert sei – Nein, die Tochter ist selbst vom Fach.

Da meine Nachbarin immer zu fragte, ob ihr jemand beim Anziehen helfen könne, sie werde gleich vom Krankentransport abgeholt und zum Arzt gebracht, fragte die Notärztin mich nach vollendeter Arbeit, ob ich ihr eben in die bereit gelegten Klamotten helfen könne. Trotz aller Misanthropie habe ich eine ausgesprochen soziale Ader: während ich ihr half, sich anzuziehen, kam mir wieder der Gedanke, ich müsse eigentlich eine pflegerische Tätigkeit ausüben – einfach, weil ich es kann. Ich ekle mich vor nahezu nichts, habe keine Hemmungen, Menschen anzufassen und kann mir medizinische Details und Vorgehensweisen hervorragend merken. Leider bin ich aber eben so geldgeil und davon sieht man in diesem Bereich viel zu wenig – da bleibt mir nur, das Soziale in die Freizeit zu legen und als Lohn die Selbstbeweihräucherung hier im Blog zu vollziehen. Und natürlich, in Gegenden mit hohem Anteil an hilfebedürftigen Menschen zu wohnen.

Eigentlich wollte ich mich heute Nachmittag nochmal nach dem Befinden erkundigen (und mich von Dankbarkeit berieseln lassen), jedoch hörte ich durch die Wand, dass meine Nachbarin und ihre Tochter lauthals wegen dieses Vorfalls stritten… das schmälerte meine Lust, dort zu klingeln, gänzlich.

Ist es nicht verlogen, dass ich eigentlich nicht altruistisch handele, sondern vielleicht nur helfe, um mich selbst als guten Menschen zu betrachten? Oder geht es letztendlich sowieso nur darum: sein Leben lang in den Spiegel schauen zu können, ohne sich vor sich selbst in Grund und Boden zu schämen?

 

7 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Hm, ich weiß nicht. Ich denke, die Welt wäre schon ein besserer Ort wenn jeder wenigstens eines Gewissens oder seines Selbstbildes wegen anderen helfen würde. Für die Menschen selbst zählt ja erstmal, dass ihnen geholfen wird. Und leider ist das nicht immer und in allen Situationen selbstverständlich.
    Von daher finde ich auf jeden Fall, dass du dich gut fühlen darfst!

  2. Yum tuv, Mara.
    Die Spezies des Gaffers ist mir auch sehr zuliebst; Empathie Null – Sensationsgier Doppel-plus-plus! Hilfsbereitsschaft ein Wort aus fremden Kulturkreisen. Getoppt wohl nur von der Arroganz eigener Dummheit.

    Ich kann mir durchaus vorstellen, daß es bei Mr./Mrs. Wichtig-Wissenmuß zuerst gerattert hat: „Außerirdische? Atombombe? Armagedon? Amoklauf?“…

    Bleibt zu hoffen, daß Dir in einer Notsituation ähnlich geholfen werden wird. Vermutbar die unbewußtes Motivation Vieler beim Helfen. Die eine wäscht die andere, irgendwie.

    „Gut ist der Mensch im Herzen seiner Gedanken.“
    (Florance Ippdit)

    Der Countdown für ‚Rogue One‘ läuft.

    bonté

    • Aloha!

      Ohja, Rogue One… mal schauen, wann ich mir den ansehe. Hab bisher nichts geplant, zumal für die Kinobegeleitung wohl erstmal „Pahntastische Tierwesen“ dran ist.

      Noch schlimmer als gaffen finde ich das Filmen. Da wurden ja auch schon Rettungskräfte behindert… unmöglich. Man sollte sie alle in eine Kartei aufnehmen und wenn einer von denen Hilfe gebraucht, wird je nach vorigem Verhlaten der Rettungsdienst oder ein Kamerateam geschickt.

      Grüße!

      • …Newt Scamanders Unternehmungen sind nicht minder für einen gelungenen Kino-Abend geeignet. Auch wenn sich die hohe Kritik darüber die Nase verrümpfelt hat.

        Wie gewohnt bläht das Feuilleton aber bereits wieder die Backen – über ‚Rogue One‘.
        Das scharfe Wort wird geschwungen. Die Rede ist von „Testosteron gesteuerten Männern“, „Kriegstreiberei“, „Charakter- & Seelenlosigkeit“ et cetera.
        Daß es in der Reihe (‚Star Wars‘, ‚Empire‘ & ‚Force Awakens‘) – speziell aber bei Edwards‘ Film – um das Aufbegehren, den Widerstand gegen Unterdrückung, Repression & Machtwahn geht, scheint eher nicht rezepiert werden zu wollen…
        Ist aber auch das gewohnte Prozedere!
        Da grinse ich mir einen.

        bonté

        • …’Rogue One‘ ist so tragisch wie er episch ist! Grandios.
          Selbst in der Synchronfassung…

          “We’ll take the next chance, and the next, until we win, or the chances are spent.“
          (Jyn Erso)

          bonté

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