Die Sommerreifen-Sonate

Ein Drama in vier Sätzen

Vorspiel

Von O(ktober) bis O(stern) wird empfohlen, seine Wege auf Winterbereifung anzutreten. Als braver Bürger tue ich das natürlich. Nun war Ostern dieses Jahr sehr früh, daher ließ ich dem kleinen Schwarzen (Auto) erst einige Wochen später die Sommersocken drüberziehen. Zwei davon sollten nigelnagelneu sein, und wurden daher per Internet bestellt. Diese werden zu einem Händler in der Nähe geliefert, welcher sie dann montiert. In meinem Fall handelte es sich dabei um einen bekannten Hattinger Reifenhändler, der mir auch mehrfach empfohlen wurde. Ich machte einen Termin und fuhr hin.

Erster Satz – Hätt‘ ja klappen können

Während der Wagen versorgt wurde, ging ich etwas an der nahegelegenen Ruhr spazieren. Als ich zurückkam, wunderte ich mich bereits, dass mein Auto noch nicht auf mich wartete. Ich setzte mich noch ein paar Minuten, dann erschien der Mechaniker, der mir mitteilte bedauerlicherweise sei ein Radbolzen (eine der „Schrauben“, die den Reifen am Auto hält) beim Montieren des Reifens gebrochen. Da kann man nix machen, fahren könne ich so nicht mehr aber das Ersatzteil sei bestimmt am Nachmittag dort.

Ich hatte Puls. „Und wie komme ich jetzt zur Arbeit?! Wie kann sowas überhaupt passieren?“ fragte ich und bekam die aalglatte Antwort, da habe wohl vor kurzem jemand (= ein Freund meines Vaters, der eine kleine Werkstatt hat) die Bremsen erneuert und der sei dafür verantwortlich, er habe den Radbolzen schief reingedeht. Wie ich zur Arbeit käme… ja… man habe da einen Leihwagen und würde mir diesen ausnahmsweise für die paar Stunden sogar kostenlos zur Verfügung stellen. Da hätte ich schon skeptisch werden müssen.

Zwischenspiel – Die Fahrt im Smart

Vor einiger Zeit zog ich die Anschaffung eines Smarts in Erwägung, vor allem auf Grund der geringen Größe und der damit vereinfachten Parkplatzfindung. Nun wurde mir eine kostenlose Probefahrt zu teil, denn der Leihwagen war ein Smart. Dieses Auto verträgt sich nicht mit dem löchrigen Straßen des Ruhrgebiets: bei jedem Schlagloch denkt man „das war’s jetzt. Da kommt die überdachte Zündkerze nicht mehr raus!“. Fürchterlich. Und am Schlimmsten ist die sogenannte Halbautomatik. Man schaltet die Gänge nicht durch sondern, auf Befehl des Tachos, nur hoch. Runter schafft das Getriebe (angeblich) allein. Oder auch nicht.

Zweiter Satz – Immerhin hab‘ ich mein Auto wieder

Nachmittags kehrte ich zur Werkstatt zurück. Freude: mein kleines Schwarzes stand auf dem Parkplatz. Weniger Freude: dass der Radbolzen gebrochen sei, sei eindeutig ein Fehler, der nicht bei der Werkstatt liegt, daher müsse ich die Reparatur bezahlen. Ersatzteil 12€ (geht ja noch), Arbeitsstunde 70€. Ich hatte Puls. Umgehend wurde mir nochmal erklärt, das könne mal passieren, hätte ich die Bremsen dort machen lassen, wäre die Arbeit natürlich nicht so dilettantisch gewesen und die Radbolzen richtig reingedreht…

Ich bezahlte, hatte die Schnauze voll, schnappte mein Auto und verzog mich.

Zwischenspiel – Quietschfidel

Nach zwei Tagen hörte ich das erste Mal so ein leises Quietschen. Ich dachte, es läge an einem der Autos um mich herum, maß ihm keine weitere Bedeutung bei und das Radio übertönte es auch recht gut. Bis ich das erste Mal „oben ohne“ fuhr. Jetzt war eindeutig: da quietscht was. Und zwar hinten links. Ratet mal, wo der Radbolzen gebrochen und erneuert worden war. Kommt ihr NIE drauf! Ich hatte Puls.

Dritter Satz – Ich würde Ihre Arbeit gern reklamieren

Ich rief also beim Reifenhändler an und sagte den obigen Satz zu der Bürodame. Diese gab mir einen Termin, an dem einer ihrer kompetenten Mechaniker mein Auto begutachten sollte. Ich fuhr hin, er fuhr ungefähr 5m und hörte soort das Problem, hob den Wagen kurz an und erklärte mir dann „die Bremsen müssten sich neu einschleifen, die seien ja offensichtlich recht neu und nicht dort gemacht worden sondern von einem anderen (dessen Arbeit nicht sonderlich gut war)“. Es würde noch einige Zeit dauern, bis sie sich eingeschliffen haben und aufhören, zu quietschen. Schuld sei aber auf jeden Fall der Bremsen-Typ. Angeblich hätte sich die Höhe der Bremsklötze bei der Reifenmontage ein wenig verschoben, weshalb das Quietschen erst jetzt aufträte.

Zwischenspiel – Schleifchen

Ungefähr zwei Tage später begann die Bremse zudem zu schleifen, kurz bevor der Wagen stand. Nun hatte ich endgültig den Kaffee auf (und Puls) und rief bei dem Kumpel meines Vaters an, der meine Bremsen gemacht hatte. Der gab mir umgehend einen Termin ein paar Tage später.

Vierter Satz – Licht am Ende des Tunnels

Die Fehlersuche gestaltete sich erstmal gar nicht so einfach. Wagen anheben, Reifen runter, gucken – kein offensichtlicher Fehler erkenntbar. Ein bisschen an den Bremsen gedreht, ebenfalls kein Fehler, kein Quietschen. Ich hatte schon Angst, der Vorführeffekt würde mich vorführen. Oder mein Gehör htte sich getäuscht… aber dann fanden wir den Grund: der neue Radbolzen war am Ende zu dick und daher nicht ganz reingedreht. Er lag daher auf der Bremsscheibe, Metall auf Metall und das quietscht. Das muss man aber bei der Montage des neuen Bolzens sofort bemerkt haben, man sah sogar, dass der Bolzen nicht passen konnte! Ich hatte Puls. Der Kumpel meines Vaters schaute, ob er einen anderen Radbolzen noch schnell bestellen konnte, das klappte jedoch nicht, der wäre erst einige Tage später eingetroffen und dann hätte man alles wieder montieren und demontieren müssen. Also feilte er den vorhandenen Bolzen ab, so, dass er passte und nicht mehr schliff.

Der Fehler lag aber eindeutig beim Reifenhändler und den muss dieser auch bemerkt haben – und mich dann absichtlich über den Tisch gezogen. Nun ist der Streitwert – die zu Unrecht in Rechnung gestellte und zudem noch schlampig durchgeführte Reparatur – aber so gering, dass er mir die Mühe, zum Anwalt zu gehen u.ä. nicht wert ist. Dennoch weiß ich ganz genau, welche Werkstatt mich nur noch 1x wiedersieht – nämlich, wenn ich meine dort eingelagerten Reifen abhole.

In meinem Postfach liegt übrigens noch immer eine Mail der Website, bei der ich die Reifen bestellt hatte. Sie bittet um Bewertung der Werkstatt. Aber wer weiß, vielleicht nehmen sie meine Reifen dann als Geiseln und ich bekomme sie erst wieder, wenn ich die Bewertung lösche. Oder sie mahnen mich ab. Ich möcht’s nicht riskieren.

 

7 Kommentare

  1. Sali, Mara.
    Die causa „Winterreifen“ ist eigentlich fast so etwas wie ein hiesiger Volkssport. Zum Highlight fast jeden Jahres wird dabei der „plötzliche“ Wintereinbruch, wenn die Werkstätten von erstaunten Autohaltern („Schon im Dezember!!!?“)überrannt werden. Heiter!
    Gut – ich fahre seit drei Jahrzehnten Ganzjahresreifen; von daher habe ich mich da früh aus dem Ritual ausgeklinkt.

    Weniger amüsant sind Deine Erfahrungen in Sachen ordinärer Reifenwechsel. Sollte Routine sein. Wäre in Deinem Fall nicht ausgeartet, wenn es in heutigen Werkstätten noch eine Lagerhaltung gäbe. Aber da sind ja viele dem Just-in-time-Dogma anhängig.
    Wird mit der Industry 4.0-Chimäre sicher noch amüsanter werden – just im Handwerk.

    Fahrtechnisch ist der Smart polierter Bullshit…ich bin einmal damit gefahren. Hoffentlich nie wieder!
    Von der theoretisch vorhandenen Knautschzone ganz zu schweigen.

    Stimmt. Besser als jeder Anwalt ist da das nicht mehr hingehen.
    Es gibt bedeutend angenehmere Dinge im Leben, um sich den Puls steigern zu laßen. Denke ich.

    ‚Harold Und Maude‘ inzwischen gesehen. Meine Notizen zum Film werde ich demnächst in einem off-topic auskleiden.
    Margeriten-Grüße et

    bonté

    1. Huhu,

      über Ganzjahressocken habe ich auch mal nachgedacht. Aber jetzt hab ich eh ertsmal neue Sommerreifen, lohnt also gerade nicht wirklich.

      Ich bin echt froh, die Dinger jetzt auf dem Auto zu haben und dort nur noch 1x hinzufahren, um mir die Reifen abzuholen. Winterreifen werden ohnehin schon im Sommer bestellt und die werden dann ganz sicher von jemand anderem montiert.

      Ohja, der Smart… ich dachte, der wäre brauchbar, weil ich einige kenne, die den fahren. Aber das erträgt man ja nur, wenn man vorher gar kein Auto hatte. o.O Fehelende Knautschzone ist auch ein Vorteil: da ist man wenigstens sofort tot und nicht verstümmelt.

      Wie dir Harold und Maude gefallen hast, interessiert mich brennend.

      Grüßchen!

      1. ‚Harold Und Maude‘
        Es dauerte nicht allzu lange bis ich den Flashback in meine Siebziger hatte; weniger das Eigene als vielmehr die Erinnerungen an allerlei Serien & Filme jener Zeit. Von „Kojak“ bis „McCloud“ eben. Das filmische Feeling hatte mich da.
        Bezeichnenderweise ist die Story, über die gesellschaftlichen Restriltionen der Liebe, nach wie vor von aktueller Thematik. Weswegen Filme wie ‚Harold Und Maude‘ wichtig bleiben. Ihre Wichtigkeit nie verloren haben.
        Entlarvend ist wohl jene Szene, in der Hochwürden sich emotional erbricht, weil er sich den Sex dabei vorstellt. Vermutlich hätte der selbe Sack kein Problem damit, einen alten Mann mit einer viel jüngeren zu vermählen.
        Intellektuel wußte mir der Film also zu gefallen; auf der emotionalen Seite war mir der dramaturgische Bogen nicht durchgehend & stringent genug aufgebaut. Manche der Szenen stehen so für sich allein.
        Am meisten amüsiert hat mich die Szene, in der Harolds Onkel mit dem leeren Ärmel salutiert. Die Absurdität des von ihm zelebrierten Militarismus.
        Die Geschichte Maudes wird sanft angedeutet. Offeriert somit dem Betrachter, sich der zeitlichen wie historischen Dimension der 8 Jahrzehnte „Maude“ konkret bewußt zu werden. Anmerkenswert.
        Darf ich vermuten, daß Deine Faible für Margeriten in gerade diesem Film fußt!?

        Edith hat mir übrigens spontan zu gefallen gewußt.

        Das Ende des Films war konsequent angelegt, weil Maudes letzter Wille ja gewesen ist, daß Harold sein Glück weiter suchen solle.

        bonté

        1. Margheriten fand ich shcon vorher schön… aber ja, sie erinnern mich auch immer an diese Szene. Oh, und Sonnenblumen hab ich auch gesät.

          Es freut mich, dass ich dich damit an deiner Jugend in den wildern 70ern erinnern konnte. Warst du auch ein Hippie? Oder 68er?

          Das KZ-Tattoo habe ich erst beim dritten Mal Schauen bemerkt, war mir vorher nie aufgefallen. Ich finde es aber eine schöne Komponente, zumal man sich ja fragen muss, wie Maude es geschafft hat, Menschen weiterhin so positiv zu sehen, nachdem sie ihnen wohl schonmal schutzlos ausgeliefert war…

          Grüße

          1. …beim derzeitigen Regen-Mai muß frau eben mit Sonnenblumen gegenrudern.

            Besagte Zeit(en) habe ich eher medial erlebt. Für Hippie-Culture & 68er war ich damals allerdings noch zu jung. Kulturell waren mir beide Jugendbewegungen eher fremd; erstere allzusehr spiritueller Religionsersatz & LSD-Selbstvernebelung – die Zweiten dogmatisch bis zur Selbstverleugnung. Musikalisch, künstlerisch wußte mich einiges zu Überzeugen. Was eigene, gereifte Einstellungen angeht, so stand mir der Punk näher.
            Bevor Du spekulierst – zu der Zeit trug ich mein Haar lang (Schulter), Sakko & Hut.
            Haare sind inzwischen kürzer (weil weniger!)geworden, aber meine Fedoras trage ich nach wie vor.

            „Der Hass massakriert die Seelen seiner Opfer. Sein Sieg ist vollkommen, wenn sich die Geschundenen ihm eben gleich ergeben.“
            (Myrelle Minotier)

            Könnte wieder eine Procol Harum-PLatte auflegen…

            bonté

  2. Mein ehemaliger Werkstatt-Typ arbeitet auch ganz schlampig, irgendsoeine Werkstatt in Schwelm… hm.
    Bin seit einigen Jahren beim PointS in Linden, die haben meinen Youngtimer grundsaniert und hatten richtig Fun daran…

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