Wie ich einmal keinen Schlaganfall hatte

„Sach ich doch, ganz oben!“ sagt einer der Rettungsassistenten, die die Treppen zu meiner Wohnung erklimmen. „Jaja“, antwortet der andere, „wie immer halt“. Ich fühle mich schuldig, den Armen das zuzumuten, bitte sie herein und schiebe sie ins Wohnzimmer. Der eine mustert meine Inneneinrichtung und der andere fragt, was los ist…

Ich saß gegen 23.00 Uhr mit dem Notebook auf den Beinen vor dem flimmernden Fernseher und tippte eine Nachricht an einen Freund vor mich hin, als ich plötzlich merkte, wie meine Finger taub wurden, dann die Hand, das Handgelenk… und innerhalb von 1 – 2 Minuten der Arm bis über den Ellbogen. Ich würde sagen, ich war mehr als dezent beunruhigt und entschied innerhalb weniger Sekunden, die Rettungsleitstelle anzurufen. Ich wohne allein. Wenn ich hier umkippe, findet mich frühestens am nächsten Morgen jemand. Wenn überhaupt.

Die Rettungsleitstelle fragte kurz nach den Symptomen und entschied dann, einen RTW zu schicken. Das Wort „Schlaganfall“ benutzte bis dahin keiner, war aber mein erster Gedanke – und deren wohl auch. Anschließend rief ich einen Freund an, der gerade in der Nachtschicht bei der Arbeit saß und schilderte ihm knapp die Situation: „Hey, ich musste gerade den Rettungsdienst rufen, ich spüre meinen linken Arm nicht mehr. Red‘ bitte mal ein paar Minuten mit mir!“… wenn du irgendwas medizinisch besorgniserregendes hast und du erwartest, beruhigt zu werden, such dir lieber jemanden, der dich nicht mag. Oder am Besten hasst. Bei Menschen, die dich mögen, ist der Spruch „geteiltes Leid, ist halbes Leid“ nämlich definitiv hinfällig. Nun war also nicht nur ich besorgt sondern er auch.

Einer der Rettungsassistenten starrt auf meine auf dem Tisch verteilten Tablettenblister. Beim Blick auf meinen Couchtisch könnte man meinen, ich hätte gerade versucht, mich mit einer Überdosis Pharmazeutika ins Jenseits zu befördern. Dort liegen üblicherweise 5 Blister herum, mehr oder weniger verbraucht: 3x Blutdrucksenker (ja, da werden einfach solange immer mehr Medikamente reingestopft, bis der Blutdruck irgendwie passt), 1x Säurehemmer gegen die Nebenwirkungen der Blutdrucksenker und die Pille. Diese Menge an Medikamenten macht die meisten Medizinmenschen nervös. Das kenne ich schon, kläre meine Retter also auf, während ich die Hände – beide gleichzeitig – des anderen drücken soll. Dann noch nacheinander die Fingerspitzen mit dem Daumen der gleichen Hand antippen. Keine Lähmung. Blutdruck viel zu hoch, liegt am Stress. Sicher? Ja, sicher, ich werde mir jetzt auch keinen Senker einwerfen, sonst kippe ich später um. Widerwillig wird diese Aussage akzeptiert. Ich brauche unbedingt einen Wisch von meinem Hausarzt, der mir genau das bestätigt…

In die Augen leuchten und mal ausprobieren, ob die Mimik noch normal funktioniert. Das Wort „Schlaganfall“ ist immer noch nicht gefallen. die Untersuchungen sprechen aber Bände. Also spreche ich es aus und frage ganz direkt danach, da die Symptome ja darauf hindeuten. Der Rettungsassistent bestätigt, dass sie das gerade ausschließen, es wäre halt der erste Verdacht, aber in meinem Alter eher unwahrscheinlich. Und er könne keine Anzeichen dafür erkennen. Sie tippen letztendlich auf einen eingeklemmten oder abgedrückten Nerv und bieten mir an, mich ins Krankenhaus mitzunehmen, wenn ich denn wolle. Ansonsten sollte ich, wenn’s nicht besser ist, am nächsten Tag zum Hausarzt. Wird’s schlimmer oder das Taubheitsgefühl breitet sich weiter aus, auf jeden Fall noch in der Nacht ins Krankenhaus. Ich entscheide mich natürlich dafür, zu Hause zu bleiben und entschuldige mich, dass sie die Treppen steigen mussten. Immerhin hätten sie Glück und müssen mich nicht runterschleppen.

Anschließend informierte ich den Freund noch über den Ausgang des ganzen und tippte meine Nachricht fertig. Im Laufe der Nacht ging das Taubheitsgefühl dann tatsächlich langsam zurück und war am nächsten Morgen vollständig verschwunden. Immerhin hatten meine Nachbarn ein wenig Spaß und Spannung, ich wurde nämlich in den folgenden Tagen mehrmals gefragt, was den losgewesen sei. Vermutlich lauerten sie alle hinter den Türspionen auf irgendwas dramatisches. Bei der Verrückten aus’m Dachgeschoss kann’s doch nur spannend sein. „Bestimmt ein Sexunfall!“ werden sie gedacht haben oder „bei der rituellen Opferung eines Kleintieres mit dem Messer abgerutscht!“. Tut mir leid, dass ich euch enttäuschen muss… und bei mir bleibt jetzt der schale Beigeschmack, unnötigerweise den Rettungsdienst gerufen zu haben.

 

4 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Yum tuv, Mara.
    Highlight im nächtlichen Leben der Straße. „Du Erwin, ein Sanka steht vor der 12! Was da wohl is…“.
    Manchen Leuten muß im Leben schon unendlich langweilig sein.
    Obschon ich einmal denke, daß Du von den Leuten im Haus selbst nicht einzig aus ungestillter Neugier heraus gefragt wurdest. Ein klein wenig werden sie sich für Deine Person schon interessiert haben (die leichte Vorstufe zur Empathie).

    Das Gefühl fortschreitender Taubheit kann einen nächtens natürlich beunruhigen; da ist der Ruf des Rettungsdiensts durchweg vertretbar. Denke ich. Für die Jungs gibt es ganz gewiß schlimmere Einsätze, als einer jungen Frau Hilfe zu leisten.

    Freunde dürfen sich Sorgen um einen machen.

    Sieh mich erfreut, daß es Dir weiterhin gut geht!

    Dein Text ist voll feiner Ironie – Oscar Wilde hätte zu schmunzeln gewußt.

    bonté

    • Hey,

      klar dürfen Freunde sich Sorgen machen. Hätte er gesgat „oh, Arm taub? Naja, macht ja nix, ahst ja noch einen!“ wäre ich auch etwas, öhm, irritiert gewesen.

      Ich hoffe mal, dass das nciht nochmal vorkommt. Keine Ahnung, ob ich nochmal dort anrufen würde…

      Grüße!

  2. Mach dir keinen Kopp, dass du den Rettungswagen umsonst gerufen hast. Ich finde, du hast genau richtig gehandelt, denn du hast es ja selbst schon geschrieben: Du wohnst allein, was wenn es wirklich ein Schlaganfall oder etwas anderes ernstes gewesen wäre?
    Ich bin da generell sehr vorsichtig was das Thema Schlaganfall betrifft, mein Bruder hatte einen leichten Schlaganfall im Alter von 21 Jahren, ihm wurde auch ein Arm taub, dann auch sein Bein und seine Lippen, Schwindel etc – das war sehr beunruhigend. Zum Glück ging alles ohne Folgen aus, wir haben auch sofort einen Krankenwagen gerufen.
    Dass du einen Freund angerufen hast, find ich auch sehr klug, auch wenn er dann natürlich ebenso besorgt war. So konnte er dich vielleicht nicht wirklich beruhigen, aber wärst du zB bewusstlos geworden, hätte er direkt reagieren können.
    Okay, ich laber zu viel. Gut, dass es dir wieder gut geht! Und: Kein schlechtes Gewissen haben!

    • Hey,

      vielen Dank für deine liebe Antwort. Je öfter ich höre, dass das shcon ok war, desto besser komme ich dmait klar. Meine Mutter ist da leider anderer Ansicht, sie findet das übertrieben. x)

      Aber ja, genau an die Schlaganfallsymptome habe ich auch gedacht. Und da zählt ja jede Minute, bevor das Gehirn geschädigt wird. Es freut mich, dass es für deinen Bruder gut ausging.

      Liebe Grüße

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