Ich bin 1%!

Juchu, ich bin eine Minderheit! Ich gehöre zum einen Prozent der Deutschen, die an einer Volksbefragung teilnehmen „dürfen“ bzw. müssen – die Teilnahme ist nämlich verpflichtend, wer nicht will oder die Fragen unvollständig beantwortet, wird zur Kasse gebeten. Die komplette statistische Erhebung zieht sich über fünf Jahre und man hat die großartige Chance, in dieser Zeit bis zu viermal befragt zu werden. Ausgewählt wurden die Kandidaten anhand der Gebäude, in denen sie wohnen, mein Plattenbau war dabei. Ein Interviewer wolle zu mir kommen, um mich zu befragen, ein Terminvorschlag liege bei.

Mein erster Gedanke war natürlich „da hab ich ja gar keinen Bock drauf!“. Der Brief wies allerdings schon auf die Verpflichtung zur Teilnahme hin. Gut, dann wenigstens nicht nach Termin, ich lasse mir die Fragen zuschicken. Kaum hatte ich nach vergleichbaren Aktionen gegoogelt und einen 60seitigen Fragebogen gefunden, verwarf ich auch diesen Gedanken wieder. Sollte sich doch mein Interviewer die Mühe machen, den Kram auszufüllen.

Der erschien dann auch… leider nicht zum vereinbarten Termin, sondern gut zwei Stunden früher. Ich hasse jede Form von Unpünktlichkeit, wenn eine Uhrzeit vereinbart wurde, möge man sich doch bitte an diese halten. Zu allem Überfluss hatte der Interviewer auch noch bei den Nachbarn geklingelt und die waren schneller an der Tür gewesen. Also war er nicht nur zu früh, er hatte nicht mal sofort Zeit für mich!

Letztendlich stand er vor meiner Tür. Eine Mischung aus Alm-Öhi und den Wildecker Herzbuben, klein, dick, graues Haar, Rauschebart, Hosenträger. Er stellte sich vor und hielt mir seinen Ausweis hin, den ich keines Blickes würdigte – wozu auch, er würde schon wissen, wer er ist und angemeldet war er auch. Als Grund für seine Verfrühung gab er an, eine Nachbarin habe ihm die Tür nicht geöffnet sondern immer nur „gehen Sie weg, gehen Sie weg!“ gerufen und ein weiteres Paar sei noch nicht zu Hause, sie hätten den letzten Termin an dem Tag. Nun gut, wir setzten uns an den Esstisch und er klappte sein Notebook auf, das mittels eines Aufklebers als Eigentum des Landes NRW gekennzeichnet war.

Meine Vorahnung erwies sich als korrekt: mit einem Interviewer muss man nicht den gesamten Fragebogen durchgehen, da das Programm Fragen, die ausgeschlossen werden, automatisch filtert. Wenn ich bspw. angebe, allein zu wohnen und ledig zu sein, werden die Fragen nach dem Beruf des Ehegatten gar nicht erst gestellt. Im 60seitigen Papierfragebogen sind diese natürlich enthalten und müssen beantwortet werden.

Interessantes war nicht dabei, außer recht konkrete Angaben zu Gehalt und zusätzlichen Leistungen des Arbeitgebers. Ich frage mich, ob das tatsächlich irgendwer liest und die Antworten womöglich sogar mit den Unterlagen des Finanzamts abgleicht – so in Richtung „wenn ich meine Schwarzarbeit schon nicht anmelde, möchte ich wenigstens beim Mikrozensus ehrlich sein!“ – auf der anderen Seite dürfte wohl kaum jemand so blöd sein, das auszuprobieren, folglich werden wir die Antwort nie erhalten.

Ich bin mal gespannt, wie oft ich noch das Vergnügen habe, befragt zu werden. Die folgenden Befragungen orientieren sich m. W. n. nicht mehr an dem Gebäude sondern tatsächlich nur noch an dem Haushalt, der befragt wurde, ergo an mir. Vermutlich retten mich nur Tod oder Migration vor weiteren Terminen.

Wenn ihr den Fragebogen anschauen wollt, könnt ihr das hier tun: https://www.statistik-berlin-brandenburg.de/datenerheb/dateien/MZ.pdf
Es handelt sich zwar um den des Landes Berlin-Brandenburg, aber da es sich um eine bundesweite Erhebung handelt, müsste er identisch mit dem nordrhein-westfälischen sein.

 

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ya’at’eeh‘, Mara.
    Mein Beileid zur Auswahl…
    Eigentlich & im Grunde haben die lieben Statistiker ja all die Daten, die sie in ihren (inflationär) regelmäßigen Zensi abfragen; aber sie müßten sich dafür die Arbeit des Abgleichs mit all den Behörden & Ämtern machen. Wollen die Damen & Herren aber nicht!
    Mein letzter Beitrag zum Datenloch war dem Interesse Bayerns am Wohneigentum seiner Bürger geschuldet; ich ließ mir den Schmäh allerdings zuschicken, weil irgendwelchen Bevollmächtigten hegte ich nicht vor, Gastfreundschaft zu gewähren. Nope!

    Nett ist ja seit jeher der Verweis auf die „unbedingte Notwendigkeit“ solcher Erhebungen zur Zukunftsplanung der Infrastrukturen. Aaajaah – die Verknappung bezahlbaren Wohnraums, Kindergartenplätze am anderen Ende der Großstadt, marodiertes Brücken- & Straßenwerk; „die Daten haben wir ja, aber gemacht wurde deswegen nicht wirklich was“.
    Gut, die Statistiker sind ja auch bereits mit der Sammelei völlig ausgelastet…

    bonté

    • Aloha!

      Vielen Dank für die Beileidsbekundung.

      Ja, mir erscheint es auch so, als würde in diesem Fall Faulheit mal wieder siegen… zwingt man halt den Steuern zahlenden Bürger dazu, alles nochmal anzugeben.

      Was aus meinen Daten jetzt erhoben werden soll, ist mir auch nicht ganz klar. Werden die Schlaglöcher in den Straßen – kennt ihr in Bayern ja nicht, was ihr da als „Straßenschäden“ bezeichnet… hier sehen so Straßen aus, nachdem die Schäden behoben wurden! – dann noch weniger gestopft, weil es sich in dieser Wohngegend nicht lohnt, weil die Leute zu wenig Geld haben und ruhig bei einem Autounfall sterben können? Oder fahndet die Polizei hier weniger nach Kokaindealern, weil sich den Stoff eh keiner leisten kann?

      Klingt für mcih eher danach, die akademische Elite unseres Landes irgendwie zu beschäftigen… „Sammelt mal irgendwas!“. Pilzsaison ist ja gerade leider nicht.

      Grüße!

  2. Na dann, herzlichen Glückwunsch ._.
    Ich habe gerade mal in den Fragebogen reingeschaut – WOW eine ganze Menge was die da wissen wollen. Da bin ich jetzt erstmal froh, dass ich aktuell nicht zu den 1 % gehören (muss).

    Viel….Spaß weiterhin, mit doofen Fragen!

    • Danke schön. Ja, der Fragebogen ist shcon recht… umfangreich… wundert mich, dass der nicht einfach irgendwie per e-Mail versendet werden kann, da könnte man das auch so einrichten, dass ausgeschlossene Fragen gefiltert werden… aber gut…

  3. Ok, ich oute mich jetzt als Freak, aber: Ich finde das voll cool dass du da befragt wirst Ich würde da gerne mitmachen. Denn als Sozialwissenschaftlerin bin ich eine von denen, die sich nachher solche Statistiken anguckt und damit arbeitet (also ja: die liest jemand ) – zwar will ich später selber nicht in dem Bereich arbeiten, aber an sich finde ich Statistik, Datenerhebung etc schon mega interessant. Wenn ich mich anstrenge kann ich mir aber vorstellen, dass andere Leute das doof finden

    • Klar liest die irgendwer… ist ja vermutlich hauptsächlich eine Beschäftigungsmaßnahme. Ich bezweifel, dass da in 8 Jahren tatsächlich einer sagt „Oh, schaut mal hier, die Leute haben durchschnittlich x Euro zur Verfügung, da müssen wir einen Kindergarten näher dran bauen, weil die sich die Fahrerei dahin eigentlich nciht leisten können!“ – Ja, nee… Ich hoffe, sie kommen nicht zu oft wieder, um mich zu befragen. Andererseits… wenn du willst, schicke ich dir dne Fragebogen gern zu.

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