Eine Kreuzfahrt die ist lustig, eine Kreuzfahrt die ist schön.

Es begab sich bereits vor fast anderthalb Jahren, dass meine Mutter, ihr Mann, meine Tante und mein Onkel sich aufmachten, die Karibik auf einem Kreuzfahrtschiff zu erkunden. Meine Mutter fasste das Ereignis mit den Worten „Ich hab‘ noch nie soviele dekadente Alkis auf einem Haufen gesehen!“ zusammen. Zu den Gepflogenheiten an Bord eines solchen Vergnügungstempels sei zu sagen, dass man eine nicht geringe, vierstellige Summe hinblättert und dafür an Bord rund um die Uhr mit Speis‘ und Trank in Hülle und Fülle versorgt wird. Einige hatten wohl den durchaus ambitionierten Plan gefasst, die über 3000€ in Form von Alkohol zurückzuholen. Einer davon war Walter, der Mann meiner Mutter…

Meine Mutter gehört zu diesen Menschen, für die Silvester eine absolute Ausnahme darstellt, nämlich den einzigen Tag im Jahr, an dem sie nach Mitternacht noch wach sind. Silvester war aber nicht und so zog es sie zwischen 21 und 22 Uhr ins Bett. Ihr Lebensabschnittsgefährte folgte üblicherweise einige Stunden später. So auch an diesem Abend… jedoch löschte er nicht, wie vereinbart, das Licht, drehte sich um und schlief. Das Licht blieb an, was den Schlaf meiner Mutter bereits deutlich störte. Daher warf sie einen Blick auf den Alkohilisierten neben sich, der kaum noch fähig war, geradeaus zu schauen. „Bist du so besoffen?!“ war ihre, wohl nur als rethorisch zu bezeichnende, Frage und „Weh weh weh… tut weh…“ mit auf die Brust gedrückter Hand die Antwort. Ihre Versuche, das Schmerzempfinden weiter einzugrenzen, scheiterten, es folgte nur weiteres – im wahrsten Sinne des Wortes – Wehklagen und so fragte sie, ob der Herr denn wohl einen Arzt benötige. Er benötigte, was meine Mutter nötigte, aus dem Bett aufzustehen, sich anzuziehen, die Frisur zu richten und zur Rezeption zu gehen. Auf dem Weg dorthin überlegte sie, welche Form der Bestattung wohl am Günstigsten sei und, ob man so eine Leiche unbedingt überführen müsse. Da gibt’s doch auch andere Möglichkeiten – wie machten das noch gleich die Wikinger? War da nicht was mit einem brennenden Boot? So ein Rettungsboot und ’n bisschen hochprozentigen Schnaps wird man ja wohl entbehren können…

Die freundliche Mitarbeiterin teilte meiner Mutter zwei Dinge mit: Die Rufnummer des Schiffsarzt und die Tatsache, dass dieser privat zu bezahlen sei, sofern keine Auslandskrankenversicherung bestehe. Zurück in der heimischen Kabine war Walter noch am Jammern, ergo auch am Atmen, ergo am Leben. Als meine Mutter gerade die Nummer des Arztes wählte und das Gespräch begann, ließ er sich allerdings das Essen nochmal durch den Kopf gehen. Wohlwissend, dass da eine Verdienstmöglichkeit zu schwinden drohte, rief der Arzt nur „wir kommen sofort“ in den Hörer und legte auf. „Jetss geht’s mir schon viiiiel besser!“ lallte Walter nachdem er den Papierkorb gefüllt hatte. In diesem Moment war sämtliche Liebe für ihren Gatten aus dem Herzen meiner Mutter gewichen. „Wenn der Arzt gleich kommt und du pennst hier dann ist was los!“ drohte sie. Eingeschüchtert fügte sich ihr Mann und wartete auf den kurz darauf eintreffenden Arzt.

Dieser entpuppte sich als junge, hübsche Ärztin, vermutlich nicht mal 30, aber immerhin der deutschen Sprache mächtig. Sie begann mit der bei Brustschmerzen üblichen Untersuchung. Walter aber wollte seine Spontangenesung nicht verschweigen und erklärte sie mit den charmanten Worten „Wo mich soo ein hübses Fräulein wie sie unterssssucht gehtss mir gleich viiiiel besser!“ und anderen Anzüglichkeiten. Die gar wundersame Heilung wurde vom Fachpersonal bestätigt – vermutlich einfach nur Übelkeit, er könne im Bett bleiben, solle aber am nächsten Tag nochmal vorstellig werden und die Rechnung begleichen. Während Walter in den seligen Schlaf der Betrunkenen fiel, fand meine vor Wut kochende Mutter die ganze Nacht keine Ruhe.

Am kommenden Morgen erschien Walter verkatert und tief beschämt – scheinbar war die Erinnerung nicht dem Alkohol zum Opfer gefallen – am Frühstückstisch, wo die bereits bis ins Detail informierten Verwandten feixend sein Erscheinen erwarteten um ihn ein wenig mit Sicheleien zu quälen. Insbesondere sein Verhalten gegenüber der Ärztin war ihm im Nachhinein eher peinlich, weshalb Walter überlegte, wie er einem weiteren Zusammentreffen entgehen könne. Die Antwort ist simpel: gar nicht. Auf Kreuzfahrtschiffen gibt’s nämlich die sogenannten Bordkarten. Die bekommt jeder Passagier und Ereignisse wie ein Arztbesuch oder die Aufforderung bei selbigem erneut vorzusprechen, werden darauf gespeichert. Diese Karte muss bei jedem Verlassen und Betreten des Schiffs vorgezeigt und ausgelesen werden. Sobald er also von Bord hätte gehen wollen, hätte ihn die Crew nicht gelassen sondern auf den nötigen Arztbesuch hingewiesen…

Gekostet hat der Spaß letztendlich übrigens 600€. Was lernen wir daraus? Auf dem Festland saufen ist billiger… Prost!

2 Kommentare

  1. Bojú, Mara.
    Sich den Verstand bis in den Orcus hinab abzufüllen, ist mir ein Bestreben, seitens anderer, voller Fragezeichen. Rein selbst hatte ich jetzt noch nie das Verlangen mich bewußtseinserweiternd zu verhalten.
    Ob es daran liegt, daß mir eine guter Geschichte bereits dafür reicht!?

    Das obige Erlebnis hätte auch gut Vorlage sein können für eine von Wilhelms Buschs moralischen Skizzen – a la der nächtliche Zecher, der bei der Schlüßelsuche in der Regenwassertonne landet – im Winter.

    Bleibt mir die Hoffnung, daß Walter – neben den Sicheleien* – auch die Rechnung in Empfang nahm.

    Mit einer Nacht auf Kreuzfahrt hatte Deine Mutter wohl nicht obiges Drama in Verbindung bringen wollen, denke ich.
    Wobei sich über die Massen-Abfertigung „Kreuzfahrt“ an sich noch viel schreiben ließe (die Handtuch-auf-dem-Buffet-Mentalität, die Du im Intro andeutest).

    bonté

    * ein besserer Begriff als jetzt „Sticheleien“!

    1. Aloha!

      Ich bezweifel sogar, dass alkohol das Bewusstsein erweitert. Es erscheint mir bei den meisten Betrunkenen eher eingeschränkt.

      Selbstverständlich beglich Walter die Rechnung und fragte die junge Ärztin nicht nach einem Date. Dafür kannte ihn anschließend das halbe Schiff, selbst am Flughafen rief man ihm noch Abschiedsgrüße nach.

      Meine Mutter möchte keine weitere Kreuzfahrt unternehmen, es war wirklich Massenbespaßung… einige dicke Amerikaner blieben bei einem Ausflug in eine Höhle in einer Felsspalte stecken während die Flut kam. Das war wohl das einzige Highlight, wo ein bisschen Nervenkitzel aufkam.

      Grüße!

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Top