Das bisschen, was ihr esst, könnt ihr auch saufen! – Broicher Schlossweihnacht

Verkaufsveranstaltungen, für die man Eintritt zahlen muss, sind cool! Leider geht keiner hin, wenn man es als „Verkaufsveranstaltung für die man Eintritt zahlen muss“ ausgibt. Daher nennt man es bspw. „Mittelaltermarkt“. Einem solchen stattete ich gestern in strömendem Regen einen Besuch ab und kehrte klatschnass und schmutzig wie meine Gedanken nach Hause zurück.

Einer der wenigen Momente ohne strömenden Regen.

Das Maß aller Dinge in Sachen Mittelaltermarkt ist das Spectaculum, das in der Regel nicht nur mit einer unendlichen Fülle an Marktständen, Fressbuden und Saufständen aufwartet sondern auch noch mit einigen durchaus bekannten Bands des Mittealter-Genres. Natürlich lässt man sich das Weihnachtsgeschäft nicht entgehen und stellt jedes Jahr in Telgte, im Münsterland, an den Adventswochenenden einen entsprechenden Markt auf die grüne Wiese und da pilgern die Leute dann massenhaft hin. Ich auch. Vor zwei Wochen. Es war überfüllt und ich zog es vor, von dannen zu ziehen.

Aber das Ruhrgebiet hat eine würdige, wenn auch weitaus kleinere, Antwort: Die Broicher Schlossweihnacht. Dieser, ebenfalls an den Adventswochenenden stattfindende, Mittelaltermarkt befindet sich in mittelalterlicher Kulisse am Schloss Broich in Mülheim. Nahe der Innenstadt und des Ringlokschuppens (kostenlose Parkplätze!).

Teil des Schloss Broich

Auch hier findet man das obligatorische Kunsthandwerk, von Schmieden über Gerbereien bis zu Seifenherstellung ist alles vertreten. Wenn man mit klammen Fingern, in der einen Hand den Regenschirm in der anderen die Kamera, zwanzig Minuten lang Fotos gemacht hat, kann man sich anschließend mit Stockbrot, Glühwein, Met oder anderen Getränken und Speisen die abgefrorenen Pfoten auftauen.

 

Speis‘ und Trank wie früher (da war eh alles besser!)

Vor zwei Jahren war ich einen Tag vor Heiligabend mit meinem Cousin schon einmal dort, bei besserem Wetter. Damals sahen wir uns ein Krippenspiel im Innenhof des Schlosses an. kein normales sondern eines, das genauso gehalten wurde, wie es im Mittelalter üblich war: der Pfarrer spielte die Jungfrau Maria, da Frauen auf der Bühne ein Frevel waren und der Pfarrer einem Weibe wohl noch am nächsten kam. Außerdem saß man nicht etwa in der Kirche oder vor einer Bühne. Das mittelalterliche Krippenspiel forderte vom Zuschauer richtig Bewegung. Die einzelnen Stationen der Weihnachtsgeschichte (Aufnahme in der Herberge, Ansprache des Engels, Erscheinen der heiligen drei Könige) waren nacheinander aufgebaut und mussten vom Publikum besucht werden. Und nicht genug: gesprochen wurde auch noch in mittelhochdeutscher und lateinischer Sprache! Allerdings gab es eine überaus freundliche Übersetzerin, die zwar nicht wörtlich dolmetschte aber sinngemäß wiedergab, worum es ging – falls jemandem die Handlung gänzlich unbekannt war. Durchaus sehr lustig und interessant, allerdings habe ich es mir dieses Jahr wegen des Regens nicht angesehen.

Beweisfoto: es hat wirklich geplästert wie aus Kübeln!

Das Schloss Broich (man spricht es übrigens „Broch“ aus, nicht „Breuch“) selbst wurde im Jahr 883/884 oberhalb des Ruhrufers von Herzog Heinrich als Militärlager errichtet, da in Duisburg die Wikinger eingefallen waren. In den kommenden fünfeinhalb Jahrhunderten hatte es viele Besitzer, ehe es 1443 erstmals stark beschädigt wurde. Das gleiche Schicksal ereilte es Ende des 16. Jahrhunderts erneut, als die Spanier während des achtzigjährigen Krieges dort einfielen. Eine Inschrift über dem Eingang des Schlosses weist noch heute auf die erst Jahrzehnte später erfolgte Beseitigung der Schäden durch Graf Wilhelm Wirich von Daun-Falkenstein hin. Unter Napoleons Herrschaft wurde letztendlich die Herrschaft an Schloss Broich aufgelöst. Da das Schloss in den folgenden Jahrhunderten zusehends zerfiel, wurde es seit 1967 aufwändig restauriert und 1975 wiedereröffnet. Heute beherbergt es ein Museum, kann für Hochzeiten und andere Feiern gemietet werden und dient als Schauplatz des alljährlichen Rock-Gothic-Festival „Castle Rock“.

3 Kommentare

  1. Salvete, edle Dame Mara.
    Nass, kalt & schmutzig kommt dem Lebensgefühl des europäischen Mittelalters doch ziemlich nahe. Kein Waffenträger, der nicht bis zum Visier im Schlamm versank, wenn er zu lange stehen blieb.
    Ich vermute, für soviel Authenzität wurde kein Sonderobulus verlangt…

    „Kostenlose Parkplätze“ – so verkündet, wohlbeleibt der Lob dem Gastgeber sei!

    Welch Schmach der edlen Ritterschaft, daß nicht ein sich fand zu tragen euer Farben, zu stechen der Fotos viele.

    Den wüsten Nordmannen also entgegen, der tapfer Ahnherr einst war getreten hier. Wohlan, groß der Taten Ruhm!

    Du hattest schmutzige Gedanken?!
    Da kippen ja die polierten Ritter gleich im Dutzend aus den Sätteln…

    Ehrerbietigst, mein Gruß.

    bonté

    1. Gott zum Gruße!

      meine Gedanken sind stets von unwiedergebbarer Schmutzigkeit, sei euch gesagt!

      Die feilgebotenen Waren der Handelsreisenden abzulichten ist leider ein Frevel und wird bestraft mit nicht weniger als 6 Tagen des Prangers. Ich ziehe es vor, in Freiheit zu sein und verzichtete daher darauf.

      Der Authentizität wegen hätten sie ja auch auf die Straße kacken, Menschen verbrennen und reihenweise an der Pest verrecken müssen. Diese Märkte mögen das Mittelalter durch die rosarote Brille sehen, aber ich glaube, so schlimm ist das nicht.

      Gehabt euch wohl!

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