Es war eine Spinne zugegen

Es ist erst ein paar Tage her, dass ich einem Freund erzählte, hier oben im vierten Stock gäbe es die ekligen Kellerspinnen nicht – ganz im Gegensatz zum Haus meiner Mutter, indem mitunter gleich zwei morgens in der Spüle auf einen warteten um einen mal so richtig wach zu machen. Gestern Nacht saß dann diese hier plötzlich mitten im Wohnzimmer auf dem Boden. Geistesgegenwärtig nahm ich das geografisch am nächsten befindliche Glas und stülpte es drüber. Beim nächsten Mal werde ich darauf achten, dass nicht noch ein Schluck Limo drinnen ist, die sich dann über Spinne und Boden ergoss.

Was nun? Die Spinne war zwar für’s erste wie Hannibal Lector in einem Glaskäfig gefangen, allerdings immer noch in meinem Wohnzimmer. Und eher hätte ich selbiges aufgegeben, als das Glas anzuheben. Ich schilderte den hilfsbereiten Herren, mit denen ich ohnehin gerade schrieb, das Problem. Der Eine schlug vor, mittels Feuerzeuggas herauszufinden, ob Spinnen Sauerstoff atmen und sollte das nicht funktionieren, das Gas anzuzünden; der Andere sagte, ich solle sie raustragen und ihr auf keinen Fall etwas tun. Ratet mal, wer der Vegetarier ist…

Der Plan war eigentlich, eine Postkarte unter das Glas zu schieben, die Spinne damit ins Glas zu befördern und dann vom Balkon zu kippen. Meine Skepsis der Durchführbarkeit gegenüber wuchs jedoch mit jedem Blick auf das gläserne Gefängnis. Außerdem hatte ich erst am Vormittag Bananen gekauft und gerade in letzter Zeit häuften sich wieder mal die Berichte über versehentlich importierte, hochgiftige Bananenspinnen. Auch der Wikipedia-Artikel über die „große Winkelspinne“, so die korrekte Bezeichnung für meinen Gast, machte wenig Hoffnung, beginnt der Absatz über Toxizität dort mit dem Satz: Obwohl von Arachnologen beteuert wird, dass die Kieferklauen (Cheliceren) der Hausspinne Eratigena atrica nicht stark genug seien, die menschliche Haut zu durchdringen, gibt es immer wieder anders lautende Aussagen. Ich wollte nicht die nächste sein, die eine anderslautende Aussage machen muss.

Töten wollte ich sie auch nicht, da diese Art mit 50cm pro Sekunde fliehen kann und ja auch irgendwie nix dafür kann, dass sie ’ne Spinne ist. Dass das Tier mir nichts tut, ist mir auch durchaus klar, ich bin nun kein panisches Bündel Arachnophobie aber: mir grauts vor denen. Acht haarige Beine sind zwei haarige Beine zuviel für meinen Geschmack.

Ich zog in Erwägung, das Glas mit einem Buch zu beschweren – man weiß ja nicht, ob das Monster darunter nicht plötzlich 700x größer wird, das Glas umwirft und fürchterliche Rache an mir nehmen würde – und bis zum Morgen zu warten um dann Papa anzurufen, damit der die Spinne wegmacht. Aber Papa wohnt bald knapp 200km entfernt und kann dann nicht mehr kommen um mich zu retten. Der Großteil meiner männlichen Freunde hat selbst Angst vor Spinnen, daher war von dieser Seite ebenfalls keine Hilfe zu erwarten. Ich nahm also all meinen Mut zusammen und berührte das Glas, um eine Postkarte drunter zu schieben, was die Spinne mit wildem Gespringe in Richtung meiner Hand quittierte. Das ist also der Dank dafür, dass man die Biester retten will. Ich stopfte mir einen Joghurt rein und machte ein paar Fotos (eins seht ihr oben) bevor ich dann das Glas ungefähr einen halben Millimeter anhob und die Postkarte drunter schob. Dann beides umdrehen und auf gar keinen Fall zulassen, dass sich da auch nur ein winziger Spalt bilden könnte und auf keinen Fall das Glas fallen lassen, wenn man es dann in der Hand hat. Als nächstes auf den Balkon… wusstet ihr, dass sich ein Fliegenvorhang anfühlt, wie ein riesiges Spinnennetz, wenn man durchgeht? Ich widerstand dem Bedürfnis einfach das ganze Glas vom Balkon zu schmeißen drehte es stattdessen um und schüttelte ein paar Mal, um sicher zu sein, dass es leer ist, wenn es wieder reinkommt…

Die Spinne war mit großer Wahrscheinlichkeit übrigens ein Männchen. Die gehen nämlich zu dieser Jahreszeit auf Wanderschaft, um ein paarungsbereites Weibchen zu finden. Spinnensex ist dabei ein echtes Glücksspiel: das Männchen tastet sich an das Weibchen heran, wenn dieses gerade Bock hat, gibt’s Sex – hat sie keinen Bock, tötet und frisst sie das Männchen… mit so einem Vorgehen könnte man sich sicher auch als Menschenfrau so manche grenzdebile Anmache vom Hals halten…

6 Kommentare

  1. Salut, Mara.
    Ich, doch schon wieder!
    Ein sehr löbliches Verhalten Deinserseits. Abgesehen von ihrem Nutzen als Insekten-Dezimatoren, sind Spinnen im Raum ein guter Indikator für eine gesundes Raumklima. Spinnen hausen nicht überall!

    Ein simples Blatt Papier unter den Glasrand tut es auch schon. Geht dann sogar an der Wand/Decke.

    Und bevor Du jetzt meinst…ab Handtellergröße & Körperhaaren wird es auch bei mir eher kritisch.

    bonté

    1. Hey,

      also muss ich anfangen zu rauchen, damit die Viecher mich in Zukunft meiden? Ich vermute abermal, dass diese hier sich einfach nur verkrabbelt hat, auf der Suche nach wildem, hemmungslosem Spinnen-BDSM-Sex.

      Ein simples Blatt Papier ist btw. nicht stabil genug, da entstehen zu leicht Lücken, aus denen sie entkommen könnte. Und an der Wand bleibt das Glas leider nicht so schön stehen, sondern muss die ganze Zeit festgehalten werden… und an der Decke, könnte sie ja beim Versuch, das Glas drüberzustülpen, auf einen fallen.

      Was tust du als gestandener Mann, wenn es kritisch wird?

      Grüße!

      1. …witzigerweise fand ich noch am selben Abend eine Spinnendame an meiner Wohnzimmerdecke. Drei Griffe und die Gute landete hochbögig im Gartenareal unter mir. Mit einem Notizzettel!

        Glücklicherweise hält sich die Spinnenpopulation in unseren Breiten an ein übersehbares Maximum an Größe & Behaarung.

        Na ja, im südamerikanischen Regenwald gelten frisch flambierte Taranteln als Leckerei…

        bonté

  2. So. An Schlaf ist nach diesem Foto jetzt nicht mehr zu denken. Danke dafür

    Mir geht es eigentlich so wie dir: Angst habe ich nicht vor Spinnen, ich sehe das meistens auch recht rational und weiß dass mich die Biester (idR) nicht töten werden. Ekelig sind sie trotzdem, ganz besonders tolle Exemplare wie deins da. Ich würde ja jetzt gerne schreiben: ich wohne im vierten Stock, da kommen die nicht hin, aber nach deiner Einleitung befürchte ich, dass das ein schlechtes Omen ist.. Und ich hätte nicht mal nen Balkon, von dem ich den Kollegen hinunter befördern könnte..

    1. Ich hoffe, du hast trotz des Fotos noch ein wenig Schlaf gefunden.

      Aus dem Fenster tut es im Zweifelsfall auch, muss nicht zwingend ein Balkon sein. Ich habe mal gelesen, es soll helfen, die kleinen Zitterspinnen hängen zu lassen. Die essen ihre großen Artgenossen nämlich gern, diese wissen das und meiden daher Orte, wo Zitterspinnen sind… ob’s stimmt… keine Ahnung.

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