Artikel
7 Kommentare

Blaulicht

Ich habe mal wieder den Rettungsdienst gerufen. Jedoch nicht für mich-

Als ich heute morgen aufwachte, hörte ich Hämmern im Haus und fragte mich, wer in Gottes Namen um diese Uhrzeit bereits irgendwas nagelt. Ich quälte mich durch die Kälte des Schlafzimmers ins muckelige Wohnzimmer. Als ich an der Wohnungstür vorbei kam, klang das Klopfen so, als käme es aus dem Treppenhaus, doch dort war alles dunkel. Dann klopfte es wieder – aus der Wohnung meiner Nachbarin. Diese ist ziemlich alt (ca. 80), krank und wohnt dort mit ihrer Tochter.

Ich wünschte ihr durch die Tür einen guten Morgen und betrieb etwas Konversation, bei der sich herausstellte, dass sie gestürzt war und nun nicht mehr hochkam. Ihre Tochter war nicht da, vermutlich bei der Arbeit, und da lag sie nun. Aus Sendungen wie „mein Revier“ und zahlreichen anderen Reportagen des Privatfernsehens, die Feuerwehr und Polizei bei der Arbeit begleiten, wusste ich was zu tun ist. Da soll nochmal einer sagen, dass Fernsehen nicht bildet! Na gut, ein klein wenig haben vielleicht auch meine absolvierten erste Hilfe-Kurse dazu beigetragen. Ich wählte also die 112 und fand heraus, dass Hattingen keine eigene Rettungsleitstelle hat, da man mich als erstes nach der Stadt fragte, in der ich mich befände. Ich dachte immer, jede Kommune sei dafür quasi selbst verantwortlich. Nach kurzer Schilderung der Situation begab ich mich wieder an die Tür zu meiner Nachbarin und redete ein wenig mit ihr.

Bereits nach wenigen Minuten erschienen sie alle: Feuerwehr, Polizei, Notarzt und Rettungsdienst (ohne Kamerateam, wie schade!). Erstere waren da, um die Tür zu öffnen, zweitere um abzusichern, dass sie später nicht wegen Sachbeschädigung dran sind und letztere um meine Nachbarin vom Boden aufzulesen. Die strammen Burschen von der Feuerwehr klingelten – leider nicht nur bei mir sondern bei allen Nachbarn, an denen sie dann auch noch vorbei hetzten. Im Treppenhaus erklangen die üblichen Fragen: „oh, was ist denn los?“, „sind wir in Gefahr?“, „Ich MUSS wissen, was passiert ist! Das ist wichtig!“. Ich glaube, ich würde bei so einem Job ausfällig werden. Als meine eigene Oma mal vom Rettungsdienst abgeholt wurde und einer dieser unbelehrbaren Gaffer am Liebsten in den Rettungswagen gekrabbelt wäre, um live dabei zu sein, kam ich auch nicht umhin, ihn von der Infektiösität der Krankheit und der Gefahr für Leib und Leben in Kenntnis zu setzen. Der war schnell weg.

Nachdem die Feuerwehr mit einem Stück Blech die Tür geöffnet hatte, durften Rettungsdienst und Notärztin ran. Von oben sah die Armada von Blaulicht-Fahrzeugen auf dem Parkplatz vor dem Haus ausgesprochen beeindruckend aus. Nach ein paar Minuten bat mich ein freundlicher Rettungssanitäter hinüber, meine Nachbarin wolle sich bedanken und sie hätten auch noch ein paar Fragen: Ob die alte Dame immer so undeutlich spräche – schwer zu sagen, so oft sehe ich sie nicht mehr – ob sie immer so wackelig gehe – dito – und, ob ein Pflegedienst involviert sei – Nein, die Tochter ist selbst vom Fach.

Da meine Nachbarin immer zu fragte, ob ihr jemand beim Anziehen helfen könne, sie werde gleich vom Krankentransport abgeholt und zum Arzt gebracht, fragte die Notärztin mich nach vollendeter Arbeit, ob ich ihr eben in die bereit gelegten Klamotten helfen könne. Trotz aller Misanthropie habe ich eine ausgesprochen soziale Ader: während ich ihr half, sich anzuziehen, kam mir wieder der Gedanke, ich müsse eigentlich eine pflegerische Tätigkeit ausüben – einfach, weil ich es kann. Ich ekle mich vor nahezu nichts, habe keine Hemmungen, Menschen anzufassen und kann mir medizinische Details und Vorgehensweisen hervorragend merken. Leider bin ich aber eben so geldgeil und davon sieht man in diesem Bereich viel zu wenig – da bleibt mir nur, das Soziale in die Freizeit zu legen und als Lohn die Selbstbeweihräucherung hier im Blog zu vollziehen. Und natürlich, in Gegenden mit hohem Anteil an hilfebedürftigen Menschen zu wohnen.

Eigentlich wollte ich mich heute Nachmittag nochmal nach dem Befinden erkundigen (und mich von Dankbarkeit berieseln lassen), jedoch hörte ich durch die Wand, dass meine Nachbarin und ihre Tochter lauthals wegen dieses Vorfalls stritten… das schmälerte meine Lust, dort zu klingeln, gänzlich.

Ist es nicht verlogen, dass ich eigentlich nicht altruistisch handele, sondern vielleicht nur helfe, um mich selbst als guten Menschen zu betrachten? Oder geht es letztendlich sowieso nur darum: sein Leben lang in den Spiegel schauen zu können, ohne sich vor sich selbst in Grund und Boden zu schämen?

 

7 Kommentare
Artikel
2 Kommentare

Unterm Messer

Ich hatte am 20.09. eine OP. Nichts wildes, mir wurde ein Lipom (Wikipedia hat wunderhübsche Bilder) am Rücken entfernt. Das ist so eine Art Fettknubbel oder, anders gesagt, ein gutartiger Tumor. Eine OP ist ja grundsätzlich kein fröhliches Ereignis, aber dass es so stressig würde, hatte ich nicht gedacht.

Nach einem Vorgespräch mit dem Chef-Chirurgen einige Wochen zuvor, bot man mir einen Termin in den nächsten Tagen an, den ich jedoch nicht annehmen konnte, da ich dann am Geburtstag meiner Oma noch Fäden im Rücken gehabt hätte. Ich legte den Termin also in die Woche danach, was zufällig auch bedeutete, dass an die zweiwöchige Krankschreibung direkt mein Urlaub anknüpfte – wie praktisch! Außerdem musste ich mich entscheiden, ob ich eine Nacht im Krankenhaus bleiben oder noch am selben Tag heim gehen wollte. Natürlich fiel mir die Wahl unsagbar schwer und ich entschloss mich schließlich, das Gesundheitssystem nicht unnötig zu belasten und mich zu Hause auszukurieren.

Den ersten Termin hatte ich frühmorgens am Vortag. Vorgespräch mit einem Chirurgen, der dann auch kurz einzeichnen durfte, wo geschnitten werden sollte und einem Anästhesisten, der mir den Ablauf und die Nebenwirkungen der Vollnarkose erklärte. Ich füllte einen Anamnesebogen aus, unterschrieb jede Menge Einverständniserklärungen und befand mich am Mittag auf dem Weg ins Büro.

Das Drama beegann erst am Tag der OP. Ich sollte mich um 7.30 im Patienten Service Center melden. Man bat mich noch ein paar Minuten in den Wartebereich. Ein paar 60 Minuten später erschien ein Pfleger der mir sagte, man habe bedauerlicher Weise alles, was ich am Vortag ausgefüllt und unterschrieben habe, verloren. Jeder bedauere es sehr und man werde umgehend einen Chirurgen und Anästhesisten besorgen, ich müsse ja nur nochmal unterschreiben. Ich saß vor der selben Tür wie am Vortag, der Pfleger war weg und die Ärzte noch nicht im Dienst. Als nach einer Weile der Chirurg erschien, fragte ich ihn, ob sowas häufiger passiere. Er antwortete „Ich nicht sprechen genug Deutsch!“ – ich aber Englisch. Ob vielleicht auch die Gefahr bestünde, dass ich mit fehlenden Organen oder Körperteilen aufwache? Daraufhin wiederholte er nur noch „Don’t worry, don’t worry everybodys is sooooo sorry!“. Entsprechend schnell wollte er mich loswerden, drückte mir eine Mappe in die Hand und verwies mich auf den nächsten Stuhl vor dem Zimmer des Anästhesisten.

Neugierig wie ich bin, blätterte ich in der Mappe, fand einen unausgefüllten Anamnese- und Aufnahmebogen und einen Arztbrief an meinen Hausarzt. In dem war die Rede von einer geglückten OP und datiert war er auf den folgenden Tag. Hellsehen konnte man also auch! Wenigstens stand dort nichts von „Exitus nach Narkoseeinleitung“ oder „geglückte Amputation“.

Nach einer weiteren halben Stunde Warterei erschien eine Anästhesistin mit einer Tasse Kaffee in der Hand und richtete sich häuslich in ihrem Arztzimmer ein, während ich vor der offenen Tür rumsaß. Sie stammte aus Osteuropa, sprach ebenfalls kaum Deutsch und war unerfreulich uninformiert darüber, dass ich den ganzen Blödsinn am Vortag bereits durch hatte. Ich setzte sie in Kenntnis darüber, was sie aalglatt als „ist peinliche für uns aber wir nichts können machen“ abschmetterte. Bei ihr durfte ich dann auch die leeren Bögen erneut ausfüllen, außerdem führte sie nochmals ein Narkosevorgespräch mit mir und stellte eine Menge Fragen, die der andere Anästhesist nicht gestellt hatte. Zum Beispiel: „In welche Stock Sie bekommen, wenn Sie gehen Treppen, Atemnot?“ … äh… ich wohne im vierten Stock und bis dahin ist kein Problem? „Ah, ich schreiben 4. Stock!“

Anschließend durfte ich endlich in Begleitung eines Plegers in die 5. Etage, in der sich die Operationssäle befinden. Im Eiltempo zogen wir die Vorbereitung durch: schicke OP-Klamotten anlegen, Kanüle in die Hand und zum OP gefahren werden. Und dann war da die Frage: „Was ist mit Dormicum (ein Medikament zur Narkoseeinleitung und Beruhigung)?“ – hat die Anästhesistin wohl vergessen, aufzuschreiben. Erst nach einigen Telefonaten, als der Anästhesist, der im OP dabei sein würde, bereits neben mir stand, bekam ich das und kurz darauf die Vollnarkose. Ich dachte immer, man merkt, wie man einschläft und könne sich nicht dagegen wehren. Aber es war eher so: Mh, ich merk nichts—

„Sie wacht auf!“ sagte jemand, während man mich, wieder im Bett, in den Aufwachraum schob. Schlimmer als mein Rücken tat mir der Hals weh vom Intubieren, absolut scheußliches Gefühl. Im Aufwachraum angekommen hopste ein ungefähr 50jähriger vor mein Bett und sagte „Ich bin Schwester Bernd! Ich bin hier für Sie zuständig! Guten Morgen erstmal! Schlafen Sie ruhig noch ein bisschen!“

Schwester Bernd ist einer von der Sorte, die ein Publikum braucht – und sich das sucht, wo es nicht fliehen kann (was es sonst zweiffellos täte). Häufig zu finden ist dieser Typ zum Beispiel im Lehrer- oder Kellnerberuf. Da gibt’s kaum einen Satz ohne einen waaahnsinnig lustiger Kalauer. So bot er einer Patientin, die gerade unter viel Gestöhne und Geblubber aufwachte, ein Beschwerdeformular an und bespaßte einen Mann, der gleich operiert werden sollte, in rheinischem Dialekt. Das ging gut, bis er ihm eine Kanüle legen wollte – das mochte der Mann nämlich nicht, er sagte immer wieder „Nein, keine Nadel, nein, nein!“. Schwester Bernds Antwort darauf war „Keine Sorge, ich kann das, hab gerade noch ein YouTube-Video gesehen, wie das geht!“ – der Scherz kam nun aber wirklich nicht gut an. Danach brüllte der Nadelverweigerer solange, bis ein Arzt kam und ihn rettete.

Leider war damit der einzige Zuschauer verschwunden, der mich vor Schwester Bernds Entertainment-Narzissmus bewahrte. Dieser lud mich umgehend in seine Bar ein, was bedeutete, dass ich wenigstens was zu trinken bekam „Gin Tonic oder lieber ’nen Whiskey auf Eis? Haha!“, „Ich geb Ihnen gleich die ganze Flasche, auf einem Bein kann man nicht stehen! Haha!“ usw. usf. – in der Zwischenzeit durfte ich meine Mutter anrufen und um Abholung bitten, mich anziehen und das erste Mal einen Blick auf meinen Rücken werfen. Nicht nur, dass ich über und über mit Desinfektionsmittel übergossen worden war, nahezu die Hälfte meines Rückens war unter einem Pflaster verschwunden, aus dem nur eine Drainage heraushing.

Meine Mutter erschien und Schwester Bernd hatte ein neues Opfer. Dateilreich und in bildhaften Schilderungen erläuterte er ihr, auf welch‘ entsetzliche Weisen ich zu Tode kommen würde, sollte sie mich innerhalb der nächsten 24 Stunden nicht permanent bewachen. Als er meine Mutter von meinem verfrühten Ableben überzeugt hatte, durften wir, mit einem Blister Schmerzmittel in der Hand, das Krankenhaus verlassen. Meine Mutter, mittlerweile leicht panisch, bestand nicht nur darauf, mich mit zu sich zu nehmen, sie wollte auch unbedingt irgendwas machen um mir zu helfen – außer mich in Ruhe lassen. Ich erlaubte ihr schließlich, meinen Rücken vom Desinfektionsmittel zu befreien, wobei wir feststellten, dass ein EKG-Anschluss an mir vergessen worden war – immerhin besser als der Porscheschlüssel des Chirurgen in mir.

Da ich am kommenden Morgen zum Drainageziehen und Pflasterwechsel erneut im Krankenhaus erscheinen sollte, brachte meine Mutter mich abends in meine Wohnung. Morgens meldete ich mich wieder im Patienten Service Center, von dort ging’s zu einem Chirurgen der schnell des Pflaster abmachte, die Drainage zog und ein neues Pflaster, diesmal kleiner, aufklebte. Dabei erhaschte ich im Spiegel einen Blick auf die Wunde – recht groß und etwas schief, sah aber sonst recht nett aus. Ich bat um einen Krankenschein für die vergangenen Tage und bekam diesen. Auf dem Weg zum Ausgang warf ich einen Blick darauf – falscher Name. Ausgestellt war er auf eine andere Person… vielleicht ist meinen Akten ein ähnliches Schicksal widerfahren? Jetzt war ich wirklich froh, noch vollständig zu sein und auch, dass mein Hausarzt die weitere Versorgung übernehmen würde.

Zwei Tage später wurde erneut des Pflaster gewechselt und ich erlaubte meiner Mutter nochmal, mir den Rücken zu waschen – diesmal um die Klebereste der Pflaster runterzubekommen. Sie wollte zu Nagellackentferner grefien, ich plädierte für Öl und behielt recht, hinsichtlich der Kleber-lösenden Wirkung. Außerdem erlaubte ich ihr, das Pflaster etwas abzuknibbeln und mal einen Blick auf die Wunde zu werfen (und ein Foto zu machen. Völlig uneigennützig, also). Sie kündigte an, gegebenenfalls umzukippen und stöhnte die ganze Zeit schmerzerfüllt, beschenkte mich aber mit einem hübschen Foto:

narbe01

Die Narbe nach etwa vier Tagen.

Etwas erschrocken war ich schon, ob der Länge der Narbe. Dass sie nicht ganz gerade ist, sagt mir auch nicht zu. X-förmig wäre mir am Liebsten gewesen aber sowas ist wohl kein Wunschkonzert. Ich bin gespannt, wie dick und sichtbar sie letztendlich bleibt. Eigentlich habe ich eine sehr gute Wundheilung und an der Stelle ist die Haut auch nicht so stark beansprucht. Deshalb und wegen des Juckreizes entschied mein Hausarzt, die Fäden bereits nach 11 statt 14 Tagen zu ziehen.

Dieses Foto entstand gestern, die Narbe ist relativ glatt und weich. Weh tut sie fast gar nicht mehr, nur ab und zu merke ich sie noch. Wobei ich denke, dass das, was ich da spüre, eher das Gewebe unter der Haut ist, das noch spannt und nicht richtig verheilt ist.

narbe03

Die Narbe 25 Tage nach der OP.

Ich bin echt froh, den ganzen Quark jetzt hinter mir zu haben. Allerdings denke ich jetzt über ein Tattoo nach, das die Spuren hübsch kaschiert…

 

2 Kommentare