krebs ist scheiße >_

Manchmal überrascht einen das Internet ja schon noch. Klar, ist ja auch für uns alle Neuland und wir fürchten seine dunklen Lande.

Ich treibe mich gern in einer dieser düsteren Ecken herum. Sie nennt sich pr0gramm.com und ist ein Imageboard, also ein, äh, Bilderbrett. Das heißt, dort können Leute Bilder posten und kommentieren, vergleichbar z. B. mit 9gag oder 4chan. Als angemeldeter Nutzer kann man alles sehen und ja, dort gibt es Pornos und ja, auch jede Menge Videos von Unfällen, ekligen Scheiß etc. – beides natürlich gefiltert, man kann sich aussuchen, ob man das sehen möchte oder nicht (anders als bei 4chan, da wird alles angezeigt).

Also insgesamt eher ein Sündenpfuhl dessen Nutzer einen an Gemälde von Hieronymus Bosch erinnern und sich selbst „Kellerkinder“ oder „Fettsäcke“ nennen. Auch gern benutzt wird die Beschreibung „frauenfeindliche Nazicommunity“ und genau deshalb gebe ich meinen Namen dort nicht preis. Ich möchte nämlich nicht unter jedem meiner Posts dort „( . )( . )“ finden – eine Aufforderung, die abgebildeten Körperteile zu fotografieren (es sind keine Augen! ) Nicht zuletzt wurde auch schonmal einem der Admins ein 80kg schwerer Stahlofen per Nachnahme gesendet… ich hoffe, ich bringe nun keinen meiner Leser auf eine tolle Idee…

Da die Admins dieser Seite wenig Wert auf eine Wiederholung des Stahlofen-Skandals legen, halten sie ihre Identität geheim. Das wäre auch noch so, wäre da nicht Brian Krebs, ein amerikanischer Journalist. Der hat  – im Zusammenhang mit irgendeinem Kryptowährungs-Gedöns – die Namen und Adressen der pr0gramm-Macher veröffentlicht. Diese sprachen kurz auch über die Schließung der Seite…

Was folgte, war ein Shitstorm. Zuerst in Form von wütenden Bildchen, bis einer schrieb, er wolle was gegen Krebs tun – und der Krebshilfe 25€ spendete. Dem schlossen sich einige der Fettsäcke an… zwischenzeitlich war die Seite der Krebshilfe nicht mehr erreichbar. Heute Abend postete diese bei Facebook, sie hätten über 103.000 € erhalten – und bisher ist kein Ende in Sicht. Die Spenden sind dabei fast immer im Bereich unter 50€, aber auch das summiert sich.

Inzwischen wurde auch die Presse darauf aufmerksam. Ich finde die Aktion so sinnvoll und gut, viel schöner als DDoS-Attacken, wütende Facebook-Posts, Stalking oder was das Internet sonst so hervorbringt.

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Mitten wir im Leben sind / mit dem Tod umfangen

Solange kein neuer Beitrag? Das ist selten. Woran liegt das? Nun… 2018 will’s wirklich wissen. Nicht nur, dass bei mir Diabetes diagnostiziert wurde und ich nun „an der Nadel hänge“, auch familiär liegt einiges im Argen. Gerade die letzten 4 – 6 Wochen waren heftig, Daten habe ich gar nicht mehr im Kopf. Aber der Reihe nach…

Media vita in morte sumus

Mitte Februar brach ein enger Verwandter (der Cousin meiner Mutter) im Holland-Urlaub beim gemeinsamen Frühstück mit seiner Frau zusammen. Schwerer Schlaganfall, lautete die Diagnose. Zwei Tage voller Ungewissheit folgten, dann sagten die Ärzte im Amsterdamer Krankenhaus, dass wohl nichts mehr zu machen sei. Die Maschinen wurden abgeschaltet, der Mann starb mit 75.

Einen Vorteil hat der Tod im Ausland aber: er ist die einzige Möglichkeit, die Bestattungspflicht in Deutschland zu umgehen: wer in Deutschland stirbt und eingeäschert wird, muss bestattet werden. Die Urne im Regal ist nicht drin und auch andere Verfahren, wie das Pressen der Asche zu einem Diamanten gibt’s nicht. Man bekommt weder Asche noch Urne überhaupt in die Finger, beides bleibt bis zur endgültigen Beisetzung (in der Erde oder auf dem Wasser, „einfach verstreuen“ ist nicht erlaubt) beim Bestatter.

Stirbt man aber im Ausland, können die Angehörigen einen dort einäschern lassen. Die Asche incl. Urne dürfen sie dann selbst nach Deutschland überführen. Dort gibt es dann zwar wieder die Bestattungspflicht, allerdings ist diese nicht zeitlich definiert. So ist die Asche unsere Verwandten nun bei seiner Frau… und ja, vielleicht fällt ihr zufällig beim Tragen der Urne durch den Garten unter dem Lieblingsbaum ihres Gatten selbige aus der Hand…

Briefe mit schwarzem Rand

Bereits 2 Tage, nachdem wir von obigem Tod erfahren hatten, lag im Briefkasten ein Umschlag mit schwarzem Rand. Wir wunderten uns schon, so schnell geht das eigentlich nicht. Richtig: eine Bekannte meiner Oma hatte im stolzen Alter von 89 Jahren das Zeitliche gesegnet.

Quarantäne

Zu der Zeit war Walter (75), der Mann meiner Mutter, bereits eine Woche lang krank: die Grippe hatte ihn erwischt, meine Mutter hat er auch gleich angesteckt. Am 03.03. wollten die beiden eigentlich in den Urlaub fliegen und um genau den bangte Walter. Meine Mutter suchte am 26.02. einen Arzt auf und ließ sich krankschreiben, Walter wollte nicht mit. Abends sagte er dann doch, er wolle einen Mediziner sehen – da die Hausärztin keine Hausbesuche mehr macht, rief meine Mutter am nächsten Morgen die 112 an. Da konnte Walter schon nicht mehr wirklich aufstehen und war immer wieder wie im Delirium.

Die Abstriche der beiden ergaben: Influenza B. Also die Form der Grippe, die im Moment grassiert. Ich hatte wohl das gleiche über Weihnachten – zumindest waren meine Symptome genau wie die meiner Mutter: langanhaltender Husten, Übelkeit…

Influenza B bedeutet: Quarantäne. Meine Mutter wurde vom Gesundheitsamt angerufen. Sie dürfe das Haus nicht verlassen. Walter lag im Krankenhaus, welches sie nicht betreten durfte – Besuch war möglich, aber nur „vollverschleiert“: Mundschutz, Haarnetz, Kittel, Handschuhe…

Meine Mutter stornierte den Urlaub, obwohl es schon am kommenden Freitag hieß, Walter werde am Dienstag entlassen.

Walter liegt im Sterben

Tja, und dann am Montag rief meine Mutter mich früh an. Walter liegt im Sterben, sie habe kaum geschlafen und müsse ins Krankenhaus. Ich also los ins Büro, wir arbeiten ja zusammen. Was war passiert?

Inzwischen wissen wir, dass Walter wohl bereits am Samstag, den 04.03., tot im Zimmer gefunden wurde. Aber: man hatte ihn reanimiert. Und nun lag er da, mit versagenden Organen an Maschinen angeschlossen. Meine Mutter informierte seine Söhne und traf sich mit diesen.

Und seitdem herrscht hier der Ausnahmezustand. Die Ausgangslage ist die, dass es keine Patientenverfügung gibt. Walter weigerte sich, eine zu machen – angesprochen wurde er darauf oft, aber er wollte nicht. Damit ist sein Wille nicht klar formuliert.

Die Angehörigen könnten noch auf die Ärzte einwirken – meine Mutter wäre bereit, die Maschinen abstellen zu lassen. Mein Bruder nicht. Der hofft tatsächlich auf ein Wunder. Er scheint auch gar nicht zu verstehen, wie die Situation – realistisch betrachtet – ist. Die Leber versagt, deswegen wird die Haut gelb. Mein Bruder: „Och, guck mal, ist der Papa noch schön braun vom Urlaub!“

Das sagen die Ärzte

Am Freitag war eine erneute Besprechung der aktuellen Lage mit Chefarzt und Neurologin. Den Zustand bezeichnet man als Wachkoma. Die Augen sind zwar offen, Blickkontakt herstellen ist jedoch nicht möglich. Alleine atmen oder die Dialyse abstellen ist nicht möglich, das hätte den Tod zur Folge. Und man wisse ja nicht, ob das in Walters Sinne sei. Immerhin sei er „freiwillig ins Krankenhaus gekommen“… da könne man wohl schon davon ausgehen, dass er jede Behandlung wünsche?

Wie sieht die Perspektive aus? Tja, vielleicht sei es irgendwann möglich, Blickkontakt herzustellen und über diesen mit ihm zu kommunizieren. In dem Moment könne man dann ja fragen, ob er am Leben erhalten werden wolle oder ob die Maschinen abgestellt werden sollen.

Und wie geht meine Mutter damit um?

Als die Ärzte das verlauten ließen, fragte meine Mutter, was das denn für eine Lebensperspektive sei. Sie wäre dafür, die Maschinen abzustellen, zumal sie das nicht länger emotional ertrüge. Der Chefarzt meinte daraufhin, „wir müssen uns da jetzt alle mal zurücknehmen“. Da ist meine Mutter ausgeflippt. Während mein einer Bruder vor sich hinheulte, erklärte sie, sie werde sich jetzt zurücknehmen – und zwar ganz. Für sie sei ihr Mann tot. Sie käme nicht mehr, um sich das Gehampel weiter anzuschauen, alles weitere könnten die Ärzte mit den Söhnen klären.

Seitdem geht es ihr besser, vorher sah sie um Jahre gealtert aus. Leider kann sie Walter nun nicht beisetzen um einen Abschluss für sich zu haben und es ist fraglich, wie lange der momentane Zustand noch aufrecht erhalten wird… sie beginnt aber schon, altes Zeug auszusortieren, kauft neue Deko für die Wohnung, spielt wieder Gitarre… ob meine Brüder sich nochmal melden, ist ebenfalls unklar. Die sind sauer. Ich denke aber, sie kommen wieder an. Immerhin liegt das Geld bzw. Erbe noch da rum. Entweder bekommen sie es oder es geht für’s Pflegeheim drauf.

Ein wenig makaber sind wir allerdings alle: bis zu dem Gespräch mit den Ärzten hat sie bei jedem Besuch Fotos von Walter gemacht und auf ihrem PC einen Ordner mit dem Namen „Walters Tod“ angelegt. Sie nannte ihn fortan auch nur „die Leiche“. Vermutlich enthält das sehr viel Wahrheit.

Zum Schluss noch eine Randnotiz: Walter ist privatversichert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Passend zum Wochenende der Oscarverleihung schaute ich mit einem Freund den neuen Film von Martin McDonagh (7 Psychos, Brügge sehen und sterben).

Davor

Dass Three Billboards von einem meiner Lieblingsregiesseure ist, bekam ich erst mit, als man mich darauf hinwies. Bis dahin sind mir nur die Kritiken zu Ohren gekommen, sowie die zahlreichen Oscarnomminierungen. Ich dachte, es handele sich um ein Drama, der schwarzhumorige Aspekt wurde auch eher außen vor gelassen.

Dabei

  • Frances McDormand – sie war mir bisher unbekannt
  • Woody Harrelson – Planet der Affen: Survival, Die Unfassbaren 2
  • Sam Rockwell – 7 Psychos, Cowboys & Aliens
  • Željko Ivanek – einer dieser Schauspieler, den man ständig sieht, aber nicht kennt. Er hat Dr. House als Geisel genommen und bei X-Men: Apocalypse mitgespielt
  • Peter Dinklage – kennt ihr alle: „ach, der Kleinwüchsige!“

Darum geht’s

Mildred Hayes‘ (McDormand) Tochter Angela wurde vor Monaten brutal vergewaltigt und getötet, einen Verdächtigen gibt es nicht. Kurzer Hand mietet Mildred 3 große Werbetafeln („Billboards“) auf denen fortan die Worte „Raped while dying“ „still no arrests“ „how come, Chief Willouhby?“. Willouhby (Harrelson) hat ebenfalls schwer zu kämpfen – nicht nur mit Mildreds Sturheit und Unverständnis für die Arbeit der Polizei – auch ist er unheilbar an Krebs erkrankt. Zudem spalten die Billboards das kleine Dorf Ebbing in zwei Lager: die Einen befürworten Mildreds radikalen Schritt in die Öffentlichkeit, die anderen verurteilen ihn…

Danach

Bewertung: 10/10

Zuerst standen hier 9 Punkte, doch dann habe ich überlegt, was den Abzug eines Punktes rechtfertigt. Und mir ist nichts eingefallen. 

Allerdings: hätte man mir den Film gezeigt und mich gefragt, von welchem Regiesseur er ist – ich hätte auf McDonagh getippt, bloß nicht auf Martin sondern auf dessen Bruder John Michael (Am Sonntag Bist du Tot, The Guard). Der Humor ist deutlich bitterer und schwärzer als in 7 Psychos oder Brügge, vielen dürfte das Lachen im Halse stecken bleiben, wenn sich Mutter und Tochter in einer Rückblende anschreien, dass sie beide hoffen, Angela werde vergewaltigt. 

McDormand erhielt für die Hauptrolle einen Oscar – völlig verdient. Sie gibt der verbitterten, zynischen Mildred Hayes ein Gesicht, spielt sie so authentisch, als habe sie selbst erlebt, was der Figur widerfahren ist. Den Nebenrollen-Oscar hätte ich allerdings eher Harrelson zugesprochen als Rockwell – dieser bleibt die meiste Zeit des Films eher im Hintergrund und zeigt nur am Ende Präsenz. 

Sehr gefallen hat mir auch, dass nicht klar ist, in welcher Zeit „Three Billboards“ spielt. 70er-Jahre-Musik, Autos älteren Datums aber Handys aus dem neuen Jahrtausend – ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich so eine Geschichte zu jeder Zeit überall ereignen kann. 

Für die Meisten wird ein Drama über die Leinwand flimmern – für die, die meinen rabenschwarzen Sinn für Humor teilen, gibt’s aber immer wieder was zu lachen – wenn man keine Angst hat, im Kino negativ aufzufallen. Von mir gibt’s auf jeden Fall eine absolute Empfehlung, wenn nicht für die große Leinwand (weil die meisten Kinos den Film schon nicht mehr spielen), dann wenigstens für den heimischen Fernseher. 

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